Das Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD).
Foto:  dpa/ Sebastian Kahnert

DresdenAn sich gelten fest im Mauerwerk verankerte schmiedeeiserne Gitter immer noch als eine der besten Sicherungen gegen Diebstahl. Zumal, wenn sie verbunden werden mit modernen elektronischen Sicherheitseinrichtungen aller Art. Doch dem Dresdner Gewölbe hat das am Montagmorgen nicht geholfen: Nicht zum ersten Mal, aber doch in bisher unbekannt spektakulärer Art und Weise brachen Diebe in die Kammern ein, überwanden – möglicherweise mit Hilfe eines gezielt gelegten Brandes in einer Stromverteilerzentrale – alle Sicherungseinrichtungen.

Sofort nach Bekanntgabe des Polizeieinsatzes überschlugen sich die Maximal-Meldungen. Es war die Rede von Schäden in Höhe von einer Milliarde Euro. Doch alle solche Wertangaben sind letztlich rein fiktiv. Die im Grünen Gewölbe ausgestellten Objekte sind nämlich nicht nur deswegen Kostbarkeiten, weil sie aus Gold, Silber, Juwelen aller Arten, erlesenen Steinen, Elfenbein, Nautilus-Schnecken oder Straußeneiern bestehen. Sie sind vor allem Kunstwerke und Denkmale der Technikgeschichte, selbst jene barock funkelnden Degengehänge, die nur so blitzen von Diamanten, Rubinen oder Smaragden, die kleinen Figuren aus Silber, die silbernen und goldenen Prachtschüsseln, Vasen, Kelche und Kannen, die tiefrot schimmernden Gläser, die auf den Konsolen an den Wänden, auf erlesenen Kommoden oder mit geschliffenen Steinplatten versehenen Vorzeigetischen präsentiert werden.

Wer wissen will, wie man schwelgende Prachtlust zur hohen Kultur verfeinert, der kommt um einen Besuch im Grünen Gewölbe nicht herum. Es ist neben der Rüstkammer des Moskauer Kreml, der Kunstkammer des Wiener Kunsthistorischen Museums oder dem Palastmuseum in Peking eine der erlesensten Sammlungen dessen, was Menschen aus Material schaffen können.

Zum ersten Mal ließ August der Starke zwischen 1723 und 1730 im Erdgeschoss des Dresdner Residenzschlosses Räume für seinen Hofschatz einrichten. Sie wurden prachtvoll dekoriert, waren sicher auch Tresor, aber auch eines der ältesten Museen. Schon 1732, unmittelbar vor seinem Tod, gewährte der Kurfürst einer breiteren Öffentlichkeit als nur seiner Familie und den Adligen des Hofs Zugang zum Grünen Gewölbe. Alle seine Nachfolger hielten sich daran.

Wert durch Verarbeitung und Marketing

Es ging den Fürsten sicher auch darum, den seit dem Mittelalter angesammelten Reichtum des Hauses Wettin zu präsentieren, außerdem einen sicheren Ort für ihn zu haben, in dem auch geheime Akten und Inventare geborgen werden konnten. Vor allem aber wurde und wird im Grünen Gewölbe gezeigt, was aus den Bodenschätzen etwa des Erzgebirges aus Hölzern, Perlmutt oder Elfenbein gefertigt werden kann. Im gewissen Sinn ist das Grüne Gewölbe also eine Leistungsschau des Handwerks, der fürstlichen Manufakturen und der frühen Industrie Sachsens. Es zeigt die Grundregel des Kapitalismus: Nicht die Materialien, die Rohstoffe machen den Wert eines Objekts aus, sondern die Verarbeitung und das Marketing: Eine Kokosnuss an sich war auch im 18. Jahrhundert erst einmal nur exotisch. Doch beschnitzt und in eine goldene, reich verzierte Gefäßfassung eingelassen, dazu präsentiert vor einer blitzenden Spiegelwand, wird sie zum Kunstwerk, zum Vorzeigestück.

Eigens um dies zu zeigen, wurden 1732 zwei weitere Inspektoren angestellt. Sie sollten einerseits die Objekte pflegen und – die Sammlung wuchs beständig weiter – neu arrangieren, andererseits darauf achteten, dass die Besucher nichts mitgehen ließen. Deswegen wurden früh verschließbare Glasschränke und Vitrinen angeschafft, auch Abstandshalter eingebaut, so dass man nicht einfach in die Wandkonsolen greifen konnte. Und August der Starke sicherte den Bestand des Grünen Gewölbes juristisch ab: Bis auf absolute Notzeiten verbot er seinen Nachkommen, Objekte dauerhaft zu entnehmen, gar zu veräußern oder einzuschmelzen. Wenn etwa die prachtvollen Schmuckgarnituren für Damen und Herren als Teil der höfischen Kleidung entnommen worden waren, mussten sie nach den Festen und Repräsentationsakten wieder zurückgebracht werden.

1911 kam die erste elektrische Alarmanlage zum Einsatz

Der Ruhm dieser Sammlung war schon im 18. Jahrhundert groß. Im Ersten Schlesischen Krieg wurden die bedeutendsten Preziosen 1744 eingepackt, um sofort, wenn die Preußen anrückten, in Sicherheit gebracht zu werden. 1756 überfiel Friedrich II. von Preußen Sachsen, die kostbarsten Juwelen wurden nach Polen, andere in neun Kisten auf die Festung Königstein gebracht. Nun wurden auch Kostbarkeiten verkauft, aber schnell durch andere ersetzt. Seit 1772 war das Grüne Gewölbe dann zur „Glorie und des Ansehens“ des Hauses Wettin ständig geöffnet. Es wandelte sich vor allem im 19. Jahrundert zu einer Kunstgewerbesammlung ersten Ranges, 1911 kam die erste elektrische Alarmanlage zum Einsatz, 1913 kam sogar eine Fußbodenheizung, weil die alten Heizungen zu viel Staub verursachten.

Die dramatischsten Tage der Sammlung aber begannen mit der kriegsbedingten Schließung 1942, in 64 Kisten wurde der Bestand ausgelagert, 1945 brannten zwar nur einige Räume mit dem Residenzschloss aus, viele Wandverkleidungen blieben wenigstens beschädigt erhalten. Doch nachdem dann die Rote Armee den Bestand im Mai 1945 aus der Festung Königsberg in die Sowjetunion hatte bringen lassen, schien das Grüne Gewölbe Geschichte zu sein. Erst die Rückgabe der Sammlung 1958 ließ auch die Räume wieder ins Bewusstsein wenigstens der Denkmalpfleger zurückkehren. Sie wurden gereinigt und gesichert. Die Sammlungen aber wurden im Albertinum gezeigt. Zwar beschloss die DDR, die lange Zeit auch dieses Schloss abreißen lassen wollte, 1985 den Wiederaufbau, doch wirklich begann dieser erst nach 1990. 2006 eröffneten die Staatlichen Kunstsammlungen dann endlich jene Räume wieder im alten, mühsam restaurierten und rekonstruierten Glanz, die nun von den Dieben heimgesucht wurden.