BerlinIm Juniheft 1948 kündigt die Zeitschrift „Neue Film-Welt“ das Projekt „No Pasarán“ an. Es soll der zweite Spielfilm von Kurt Maetzig werden, dessen Debüt „Ehe im Schatten“, der erste deutsche Nachkriegsfilm zum Holocaust, gerade um die Welt geht. Diesmal will Maetzig eine Geschichte vor dem Hintergrund des Spanienkrieges erzählen. Hauptfigur ist ein deutscher Arbeiter, der in den Internationalen Brigaden kämpft, nach der Niederlage in Frankreich interniert wird und sich der Résistance anschließt.

Das Drehbuch entsteht nach einem Roman von Eduard Claudius, „Grüne Oliven und nackte Berge“. Der erschien 1945 in der Schweiz, dem Exilland des Schriftstellers. Und der Verlag verlangt harte Devisen. Defa-Direktor Walter Janka, selbst Spanienkämpfer, bietet an, die Kaufsumme vorweg von den in Westeuropa einzunehmenden Beträgen zu bezahlen. Wo aber soll „No Pasarán“ gedreht werden? Spanien scheidet aus, Faschisten beherrschen das Land. Und Jugoslawien? Dorthin gibt es gute Beziehungen, der Defa-„Augenzeuge“ berichtet immer wieder von den Aufbauleistungen und Staatschef Tito.

Ende Juni 1948 gehen Kurt Maetzig und Eduard Claudius auf die Reise. Mit dem Zug nach Prag, dann mit dem Flugzeug nach Belgrad. Ein Abenteuer: „Devisen waren nicht erhältlich. An jeder Grenze schien eine Welt zu Ende und der Übergang in eine andere unmöglich“ (Claudius). Endlich angekommen, trifft Claudius zufällig einen alten Freund, einen Kunsthistoriker. Der verschafft ihm Verbindungen, um das Vorhaben zu forcieren.

Doch als die beiden glauben, dicht vor dem Abschluss der Verträge zu stehen, eilt der bleiche Freund schwer atmend ins Hotel. Das von Stalin dominierte „Kommunistische Informationsbüro“, die Kominform, habe Tito und die jugoslawische Partei soeben aus ihren Reihen ausgestoßen. Claudius: Sie „unterschoben ihr, sie sei sowjetfeindlich und gehe ins Lager des Klassenfeindes über“.

Die Defa-Leute ziehen aus Belgrad ab. Nach Berlin bringen sie die Nachricht mit, dass sie gegen Bezahlung in Jugoslawien drehen könnten. Noch immer hält Direktor Janka am Projekt fest. Doch als sich die SED Stalins Verdikt anschließt, sind die Arbeiten dort nicht mehr zu halten. Jahrzehnte später erklärt Maetzig: „Die Landschaft und die Menschen hätten wir auch in Bulgarien finden können. Wieso wir mit der politischen Wende auch das Projekt fallen ließen, weiß ich nicht.“

Möglicherweise hat das Aus für „No Pasarán“ auch mit Intrigen und Animositäten gegen Claudius zu tun, die ebenfalls im Sommer 1948 hochkochen. Der Autor Willi Bredel fragt pikiert: „Ist den künstlerischen Leitern der Defa bekannt, dass 23 antifaschistische deutsche Schriftsteller am spanischen Freiheitskampf teilgenommen haben?“ Warum also ausgerechnet Claudius – und nicht zum Beispiel er?

Und in der Sowjetunion, wo der Roman übersetzt werden soll, gibt es inzwischen starke Vorbehalte. Claudius soll streichen. Im Visier der Zensoren: die Beschreibung von Angst und alltäglichem Lebenshunger, das „Eingeständnis von Niederlagen und der Wille, sie als eine Kraft auf dem Weg zum nächsten Kampf zu erkennen“. Claudius weigert sich; in Moskau wird der Roman nicht gedruckt. Das bleibt der Defa und ihren sowjetischen Leitungsmitgliedern nicht verborgen. Der prestigeträchtige Stoff verschwindet aus den Plänen.