Der pompöse Stern des polnischen Weißadlerordens aus dem Grünen Gewölbe
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BerlinSeit zu Beginn der Woche der Diebstahl von Juwelen im Grünen Gewölbe in Dresden bekannt wurde, erleben wir ein Musterbeispiel für das, was Kunst- und Kulturhistoriker als „Konstruktion von Identität“ bezeichnen. Da wurde von den „Kronjuwelen“ Sachsens gesprochen, von einem „Anschlag auf die Identität Sachsens“, vom „Herz der Sachsen“, das „zerrissen“ sei. Man sprach weihevoll von den „Menschen des Freistaats“, die diese Broschen, Orden, Schmuckknöpfe oder den diamantenüberkrusteten Degen August des Starken angefertigt haben und derer nun „beraubt“ worden seien. Kulturstaatsministerin Monika Grütters beschwor die Juwelen gar als Teil „unserer nationalen Identität als Kulturnation“. Kaum einmal am Rande aber kam Europa wenigstens als Wort vor, von der restlichen Welt ganz zu schweigen.

Historie lässt sich nicht regional begrenzen 

Die historische Bedeutung der Kostbarkeiten liegt aber gerade darin, dass sie sich nicht in heutige national- oder regionalgeschichtliche Grenzen zwingen lassen. Gesammelt wurden sie überwiegend zu einer Zeit, als in Sachsen nicht Könige und schon gar keine republikanischen Freistaatspolitiker regierten, sondern die Kurfürsten aus dem Haus Wettin. Ihnen gelang es, seit dem 16. Jahrhundert dank der Schätze des Erzgebirges und einer klugen Infrastruktur-, Landwirtschafts- und Städtepolitik über die Grenzen Sachsens hinaus Einfluss zu gewinnen.

Insofern ist das Grüne Gewölbe tatsächlich auch Teil der Geschichte jener vielen kleinen Vorläuferstaaten des heutigen Sachsens, seiner Handwerks- und Fabrikanten, Bergleute und einer oft brillanten Einwanderungspolitik, die jene Fachleute anzog, ohne die der Staat der Wettiner kulturell und wohl auch wirtschaftlich unbedeutend geblieben wäre.

Die Werte, die im Grünen Gewölbe und im Residenzschloss zu finden sind, sind von den Menschen im Freistaat Sachsen über viele Jahrhunderte hart erarbeitet worden.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer

Über Polen und Russland bis nach China und in den Pazifik, nach Afrika, Vorderasien und Südamerika reichten die Handelsbeziehungen der Kaufleute in Leipzig, Dresden und Chemnitz, von denen die Wettiner Rohstoffe wie Elfenbein, Muscheln, Schnecken oder Kokosnüsse erwarben, die neben den Steinen aus den Bergwerken Sachsens die Sammlung so einzigartig machen. August I. der Starke und August III. waren zudem die gewählten Könige Polens – und gerade die Kostbarkeiten, die sich im nun beraubten Juwelenzimmer befinden, stammen aus dieser blühenden Zeit des Barock. Viele dieser Objekte aber sind keineswegs in Sachsen, sondern im damaligen „Ausland“ gefertigt worden – in Paris, Augsburg, Nürnberg, Wien, angeblich sogar in Berlin.

Sammlungen als politisches Instrument

Mit den Juwelen wollten die Wettiner Machtansprüche gegenüber den Untertanen und anderen Adelshäusern repräsentieren, konnten aber auch mit den Habsburgern in Wien und Madrid, den Bourbonen in Paris und Versailles, in Neapel und Madrid, den Welfen in Hannover und London, den Romanows in Moskau und St. Petersburg oder den eher ärmlichen, aber gewaltbereiten Hohenzollern in Berlin konkurrieren.

Videostandbild einer Überwachungskamera im Grünen Gewölbe
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Die Sammlungen waren ein historisch überaus wirksames Instrument übernationaler und überregionaler feudaler, das ganze Europa erfassenden Politik im Zeitalter des Barock und der frühen Neuzeit. Es ist charakteristisch, dass das Grüne Gewölbe den letzten großen Wachstumsschub in der Zeit kurz vor dem Umsturz der Feudalmächte durch Napoleons Feldzüge hatte.

Es ist aber auch charakteristisch, dass das Grüne Gewölbe um 1900 von bürgerlichen Direktoren aus dem Geist des neuen Kaiserreichs heraus einschneidend neu geordnet wurde. Sie inszenierten die Sammlung nun als Dokument der alten Eigenständigkeit des Königreichs Sachsen und seiner Wettiner-Dynastie. Diese zeigte den politisch und militärisch übermächtigen Hohenzollern über den Umweg Grünes Gewölbe quasi die Noblesse des „alten“ Reichtums.

Auch in der Weimarer Republik, in der Nazizeit und in der DDR wurde der „sächsische“ Charakter der Sammlung, wie die nun in regelmäßiger Reihe erscheinenden Führer zeigen, immer mehr betont, der polnische und böhmische dagegen zunehmend in den Hintergrund gedrängt, und die Beziehungen zur nicht-europäischen Welt wurden zur exotischen Würze degradiert. Auch das Grüne Gewölbe war Teil des nationalistischen Strudels – obwohl seine Objekte bis in die letzte Rocaille die historische Relevanz nationaler Grenzen widerlegen.

Konstruktion gesellschaftlicher Identität

Die Juwelen stehen damit in einer langen Reihe von Objekten, die gerade durch ihren Verlust wichtig für die Konstruktion gesellschaftlicher Identität wurden. Die Mona Lisa etwa war bis zu ihrem Diebstahl 1907 ein zwar vielfach beachtetes, aber doch keineswegs einzigartiges Gemälde in der überreichen Sammlung des Louvre. Erst die „Entführung“ durch einen italienischen Nationalisten, der sie heimbringen wollte, machte sie zu einem Ankerpunkt moderner französischer Kulturidentität. Die Demontage und der Teilverkauf des herrlichen Genter Altars der Brüder van Eyck wurde nach 1798 zunächst nur von wenigen Lokalpatrioten betrauert. Es brauchte die Revolution und die 1832 durchgesetzte Unabhängigkeit Belgiens, das er in den 1830er-Jahren zu einem Monument des belgischen Nationalismus wurde – was dann im Versailler Vertrag 1918 zu der Bestimmung führte, dass wider allen Völkerrechts die in der Berliner Galerie befindlichen Seitentafeln nach Belgien ausgeliefert werden mussten.

Ein besonders schamloser Fall von nachträglicher Traditionskonstruktion durch einen Verlust der Objekte war vor etwa einem Jahr in Brasilien zu beobachten. Am 2. September 2018 brannte das Nationalmuseum in Rio de Janeiro aus. Statt Reue zu üben, weil sie über Jahrzehnte den Etat des Museums immer wieder reduziert hatten, den Einbau von Brandschutz- und Sicherheitsanlagen verhinderten, nicht einmal willens waren, die Wasserleitungen der Feuerwehr sanieren zu lassen, behaupteten die Politiker in Brasilia und Rio: Das Museum sei schlecht geführt worden, deswegen habe es gebrannt.

Das Beispiel Brasilien

Umgehend versprach der damals gerade erst gewählte, rechtsradikale Präsident Bolsonaro, die nach französischem Vorbild gestalteten Fassaden und Prachträume des einstigen Palastes der Kaiser von Brasilien schnellstens nachbauen zu lassen. Pathetisch wurde der Verlust der winzigen Ägyptica- und Antikensammlung beklagt, im Zeichen der Klimakrise stand schließlich auch die Klage über die Zerstörung der  naturkundlichen Sammlungen. In den Flammen ging aber auch das wichtigste Archiv der indigenen Kulturen Südamerikas außerhalb des Andengürtels zugrunde. Zu großen Teilen waren diese Sammlungen nicht einmal angemessen katalogisiert oder gar fotografiert. Doch die indigene Geschichte Südamerikas ist eben kein Teil der Erzählung Brasiliens, gerade Bolsonaro macht mit militanter Anti-„Indianer“-Entscheidungen populistische Politik. Das in seinen Sammlungen eigentlich so diverse, tatsächlich brasilianische Nationalmuseum wurde so nachträglich zu einem Dokument des „weißen“ Brasilien gemacht.

Bei allen Unterschieden ist deshalb festzuhalten: Die Zuordnung des Grünen Gewölbes zu einer vor allem „sächsischen“ Identität zerstört nicht zuletzt dessen eigentliche Bedeutung, die weit über Sachsen oder auch Deutschland hinausweist. Sie dient nur denen, die auf Abgrenzung versessen sind und die das Gespenst des Nationalismus wieder beleben wollen. Der nun gestohlene, einst im Auftrag der sächsischen Kurfürsten für ihre Selbstdarstellung als Herrscher über Polen hergestellte Stern des polnischen Weißadlerordens, der von Diamanten und Rubinen nur so strahlt, widerspricht jeder nur regionalistischen oder gar nationalen Geschichtspolitik.