Museen brauchen sicher gute Sicherungseinrichtungen. Keine Frage. Und dass die Diebe aus Dresden und Berlin nach einem Jahr möglicherweise gefasst wurden, zeigt, dass die Behauptung vom schwachen Staat ziemlicher Unsinn ist. Doch absolute Sicherheit wird es in einer offenen, demokratischen Gesellschaft nie geben, und es werden auch nie alle Diebe gefasst werden können, schon gar nicht im Vorhinein, sodass die Beschädigung oder Zerstörung von Kulturgut verhindert werden kann. Denn gerade Gold, Silber und Juwelen sind auch deswegen so gefragt, weil sie bis in die allerjüngste Zeit hinein als Materialien galten, deren Herkunft kaum nachzuvollziehen war. Umgeschmolzen oder umgeschliffen waren sie wieder frei verkaufbar. Ein Historiker-Bonmot sagt, dass in heutigen Eheringen das Gold der Kelten und Azteken blitze.

Dennoch war der Einbruch in das Grüne Gewölbe, marktwirtschaftlich gesehen, ein sehr schlechtes Geschäft: Immenser Organisationsaufwand, relativ hohe Gefahr, erwischt zu werden, zumal da es gerade in ähnlichem kulturellem, geografischem und sozialem Umfeld ähnliche Straftaten gab, wie es mit dem Raub der Goldmünze auf der Berliner Museumsinsel der Fall war. Und der Ertrag? Sehr überschaubar: Gold, das ob seiner Unreinheit heute nur billig loszuschlagen ist, und einige Juwelen, die erst nach einem kostenträchtigen Umschliff abzusetzen sind.

Wer diese Sache plante, hatte sicherlich keinerlei historisches Interesse, dazu war das Vorgehen zu brutal. Aber es fehlte auch an forschender Neugier: Jeder Juwelier oder Kunsthistoriker hätte den Dieben sagen können, dass das, was blinkt und glitzert, nicht unbedingt materiell wertvoll im heutigen Sinn sein muss. Egal übrigens, wer sie waren: Es sei beim Lesen all der vorverurteilenden „Clan“-Überschriften daran erinnert, dass in einem Rechtsstaat nur der als schuldig zu gelten hat, der oder die von einem Gericht verurteilt wurde, das nach Gesetzen handelt, die ein frei, gleich und geheim gewähltes Parlament beschlossen hat. An diesem Bewusstsein fehlt es im Fall Dresdner Juwelenraub mal wieder heftig.

Nun könnte man mit etwas Zynismus aus solchen Diebstählen üble Rückschlüsse auf unser öffentliches Bildungssystem ziehen. Dem wird nicht völlig zu Unrecht vorgeworfen, die Neugier in Kindern abzutöten zugunsten von stupidem Faktenlernen – und bei diesem Faktenlernen Geschichte und Kunst viel zu wenig zu berücksichtigen. Ob allerdings die Diebe in Dresden durch die Schulen der Republik in ihrem reichen Bildungs-, Erinnerungs- und Geschmackskanon geprägt wurden, ist doch eher zweifelhaft. 

Darüberhinaus sind  Kunst- und Kulturgutraub und damit verbundene Verwüstungen rein um des Materialgewinns willen reichlich überliefert, in Europa, Afrika, im vorkolumbianischen und im kolonialen Amerika, in Russland, China oder im Osmanischen Reich: Ohne das Gold der Azteken und Inkas hätte Spanien seine Weltmacht nie behaupten können. Materiell wertvolles Kulturgut aus alten Kulturen überdauerte die Zeiten dagegen meistens entweder versteckt in Gräbern, vergessen unter der Erde oder weil es wie das Grüne Gewölbe als Dokument einstiger oder aktueller Macht diente sowie in Museen, Bibliotheken und Archiven dem forschenden Interesse dienen konnte.

Wobei eben das, was materiell als „wertvoll“ betrachtet wird, sich extrem ändern kann. Das lernt man gerade im Grünen Gewölbe, wo Kokosnüsse und antikes Glas, schiefe Flussperlen oder Buchsbau Top-Stücke der kurfürstlichen Sammelsucht waren. Nur: Ihren eigentlichen Wert erhielten alle diese Materialien letztlich erst durch die Bearbeitung, die Veredelung, die Verwandlung in etwas anderes als reine Materie. Und genau das ist es, was solche Diebstähle so irritierend macht: Sie durchbrechen unsere in Jahrtausenden handwerklicher und industrieller Erfahrung gewonnene Gewissheit, dass das eigentlich Wertvolle die Arbeit an und mit dem Material ist, nicht das Material selbst. Pure Raffgier gilt im Christentum als Todsünde – weil sie die Kreativität, die Kraft der Menschen und ihre vielleicht sinnlosen, aber eben doch ehrbaren Versuche missachtet, die Natur zu verbessern.