Eine „Wetten, dass..?“-Frage vorab: Ist es möglich, innerhalb von nur einer Stunde in einem Ladengeschäft der Weimarer Innenstadt Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ für weniger als 120 Euro zu erwerben? Jenes 1924 und 1926 in zwei Teilen veröffentlichte Programmbuch, dessen Besitz nicht verboten, aber dessen Vertrieb, Verkauf und Neudruck nicht gestattet ist? Die Recherchier-Theatertruppe „Rimini Protokoll“ wollte es wissen.

Im ersten Trödelladen werden die Fahnder enttäuscht. Im einzigen Antiquariat am Ort ist man misstrauisch. Mit hochrotem Kopf verneint der Händler, um nach kurzem Gespräch ein Exemplar für 180 Euro hervorzuzaubern. Zu teuer. In einem Militaria-Laden wird man fündig: 115 Euro für die Taschenbuchausgabe und als Zugabe ein Minibuch eines NS-Hilfswerks. Weimar macht’s möglich: Hitler to go.

Der Shopping-Report ist eine von vielen überraschenden Nachrichten aus dem deutschen Alltag, die die Theatertruppe „Rimini Protokoll“ am Donnerstag im Weimarer E-Werk mit „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“ als deutsche Erstaufführung auf die Bühne brachte. Die von den Berliner Dokumentar-Künstlern Helgard Haug und Daniel Wetzel geführte Truppe bietet ein gut recherchiertes Sozial-Feature, sozusagen ein szenisches Hörspiel mit sichtbaren Menschen.

Keine Schauspieler treten in Rollen auf, sondern eigens für die Inszenierung gewonnene Bürger als sie selbst: Anna Gilsbach, Anwältin für Sozialrecht in Berlin, Matthias Hageböck, Buchrestaurator in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, Alon Kraus, Rechtsanwalt in Israel, der blinde Radiomoderator Christian Spremberg, der deutsch-türkische Rapper und DJ Volkan T Error und die Frankfurter Rechtshistorikerin Sibylla Flügge.

Sie war 14, erzählt sie, als sie 1965 Hitlers Kampfbuch kaufte. Als ein Kind, das die Welt um sich herum verstehen will, las sie das Buch und fertigte einen maschinenschriftlichen Auszug, den sie ihren in Sachen NS-Vergangenheit sehr schweigsamen Eltern zu Weihnachten schenkte. Alle Rimini-Akteure haben ihre je eigene „Mein Kampf“-Erfahrung. Alon Kraus las das Buch auf Hebräisch; er meinte, dem Werk gewisse Manager-Weisheiten abzulauschen und benutzte es zu Flirtversuchen mit deutschen Frauen. Volkan T Error zieht bis heute die japanische Manga-Variante vor. Christian Spremberg muss einen Einkaufswagen hereinrollen, um die fünf Wälzer in Blindenschrift zu transportieren, die das eine Werk ergeben.

Dass das alles über die Bühne geht, hat den einen Anlass: Im Januar 2016 werden die Rechte an „Mein Kampf“ gemeinfrei. Bislang wurden die vom Freistaat Bayern gehalten, weil Hitler dort bis zuletzt gemeldet war. Bayern verbot den Nachdruck. Damit ist es 70 Jahre nach dem Tod des Autors vorbei. Es sei denn, eine Verfügung hält den freien Nachdruck auf − um Volksverhetzung handelt es sich nach wie vor. Als eine Erste-Hilfe-Leistung soll eine akademische Ausgabe mit 3500 Fußnoten erscheinen.

Zwei besteigbare Regal- und Bildschirmwände bieten die Kulisse für ein durchweg anregendes, niemals sentimentales oder weltanschaulich übergriffiges Faktenspiel. Das wird in einer zufallsgenerierten Buchstaben-Dramaturgie (von A wie Abenteuer bis Z wie Zerfall) und mit kleinen szenischen Einfällen auf Trab gehalten. Die Spieler werfen, lesen, stapeln, drucken das Buch. Sie lauschen in es hinein. Wie klingt „Mein Kampf“? Wie ein brummender Maikäfer. Wie etwas, das wehtut. Wie Hitlers Stimme.

Ein Buch wie ein Scheinriese: Je genauer das Spiel das Pamphlet in den Blick nimmt, um so kenntlicher wird es in seiner Machart, um so mehr verflüchtigt sich dessen negative Attraktivität. Auch deshalb, weil die in Weimar beigetragenen Lesarten und Fakten um vieles interessanter sind als das Werk selbst, dessen Verbot das Vor-45er Nichtwissenwollen verlängert.

Dabei findet sich Hitlers effektheischender Draufgängerduktus in der völkischen Publizistik der 20er Jahre genauso wieder wie in der Sprache von RAF („keine Halbheiten“) oder Pegida („Lügenpresse“). Die Frage: Woran schreibt eigentlich Beate Zschäpe?, ist in Weimar nicht falsch gestellt. So wie die Ansage von Alon richtig ist: „Wer immer das Buch aufschlägt, wird eine Familiengeschichte aufschlagen. Das Leben des Großvaters und der Großmutter kleben daran.“