Gudrun Pausewang (1928 - 2020)
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BambergEs gab im alten West-Deutschland und West-Berlin mindestens drei Perspektiven auf Jugendbücher: Die einen, die die Tradition Astrid Lindgrens aufnahmen und eine idealisierte Alltagswelt konstruierten, um sehr reale Probleme wie die Trauer um den verlorenen Bruder anzusprechen, diejenigen, die sich in den erhofft weltverbessernden Mythos flüchteten – und dann gab es Gudrun Pausewang, die mit bemerkenswerter und auch schnell bemerkter Gradlinigkeit auf die Realität zusteuerte: Schon 1959 erschien ihr erstes Buch, 100 sollten es bis 2015 werden. Jetzt ist sie im Alter von 92 Jahren in ihrer Wahlheimat Bamberg verstorben.

1928 in Wichstadtl im heutigen Tschechien geboren, floh Pausewang mit ihrer Mutter und den fünf Geschwistern nach dem Krieg – der Vater war gefallen, als sie 15 Jahre alt war – nach Westdeutschland. Ausgebildet als Lehrerin für die Grund- und Hauptschule, nahm sie 1956 eine fünfjährige Zeit an der Deutschen Schule in Chile und dann noch einmal fünf Jahre nach 1967 in Kolumbien zum Anlass, sich tief in die Geschichte und Sozialfragen Südamerikas einzuarbeiten – was etwa in „Aufstieg und Untergang der Insel Delfina“ oder dem Schelminnenroman „Die Entführung der Dona Agata“ niederschlug.

Gudrun Pausewang erkannte früher die Zeichen der Zeit als andere

Die Literaturkritik ordnete ihre fast nie melancholisch oder mit zerfurchter Stirn geschriebenen Werke meist als Kinder- und Jugendbuch, als zeitgebundene Unterhaltungsliteratur ein. Sicher waren sie das auch. Aber Pausewang erkannte eben die Zeichen der Zeit oft viel früher als ihre Umgebung – und sie war bereit, auch komplizierte Themen aus dem weiten Bereich des Umweltschutzes, der Militär-, Entwicklungshilfe- oder Energiepolitik herunter zu brechen, so dass sie weit mehr als nur jugendliche Leser erreichten.

Vor allem aber war sie bereit, die bis heute nachwirkenden Traumata der Kriegsgeneration anzugehen, die so oft unausgesprochenen Fragen von Schuld, Verlust und Angst. „Die letzten Kinder von Schewenborn" von 1983 verarbeitete die Angst vor dem Atomkrieg, „Die Wolke“ 1987 die Angst vor der Atomkraft und die Folgen von Tschernobyl, 1999 erschien ihre Dissertation über die vergessenen Schriftsteller der Kästner-Generation. Immer wieder war aber auch der lange ignorierte multikulturelle Wandel der deutschen Gesellschaften ihr Thema.