Das Leiden an den deutschen Verhältnissen hat den jungen Schriftsteller Günter Grass früh zu einem politischen Beobachter gemacht. Die Geburt des engagierten Autors vollzog sich aber in Paris, wo Grass zwischen 1956 und 1960 lebte. Und dort erlebte er auch, wie sich Intellektuelle lustvoll in Debatten warfen. Grass fühlte sich bald mittendrin. „In Paris kam de Gaulle an die Macht und ich lernte die Knüppelgewalt der französischen Polizei zu fürchten. In Paris wurde ich zusehends politischer.“

In Paris war Grass ein Unbekannter aus Deutschland. Als er 1960 mit seiner Familie nach West-Berlin zurückkehrte, war er berühmt; dafür hatte der 1959 erschienene Roman „Die Blechtrommel“ gesorgt. Und die politische Lektion von Paris konnte abgerufen werden, als sich in Berlin die Lage zuspitzte. In einem Brief vom 14. August 1961, einen Tag nach dem Beginn des Mauerbaus, forderte die Vorsitzende des Deutschen Schriftstellerverbandes der DDR, Anna Seghers, dazu auf, gegen die gewaltsame Schließung der Grenzen zu protestieren.

Gleich auf den Wochenmarkt

Aber auch andernorts erhitzten sich die Gemüter. Ein Brief von Grass an Seghers fiel zeitlich zusammen mit der Diffamierung Willy Brandts durch Konrad Adenauer, der den Regierenden Bürgermeister von West-Berlin in einer Wahlkampfrede als Emigranten und uneheliches Kind attackiert hatte. Grass sah es als seine Bürgerpflicht an, „laut und deutlich für den Verleumdeten einzutreten. Ich schraubte das Tintenfass zu, verließ mein Stehpult, ergriff Partei.“

Der von der Weltpolitik Bewegte hatte aber auch ein Gespür fürs Lokale. Es ist gewiss kein Zufall, dass ein Gedichtband mit der exemplarischen Zeile „wir wollen nun den Mund aufmachen“ den Titel „Gleisdreieck“ trug. Der Dichter, dem es stets ums große Ganze ging, schöpfte aus den Geschehnissen gleich um die Ecke. Damit war Grass in Berlin nicht allein. Im Berliner Ortsteil Friedenau wohnte er in unmittelbarer Nachbarschaft zu Uwe Johnson, Hans-Magnus Enzensberger und später auch Max Frisch.

Die Wohnung in der Niedstraße 13 hatte Grass auf Vermittlung von Johnson erhalten, der darüber in einem Brief schrieb: „Wir fanden das Inserat in der Zeitung, rissen es aus und banden es auf dem Flugplatz einem Ankömmling an, der manchmal aussieht wie ein brasilianischer Kaffeegroßhändler, manchmal wie ein spanischer Viehhändler, manchmal wie ein Zigeuner aus der Kaschubei. In einer dieser Gestalten, von einer in Lederjacke begleitet, besichtigte er das Haus und verblüffte den Makler mit der Ankündigung, er sei interessiert, dafür Sechzigtausend auf den Tisch zu legen?…“ Der Blechtrommler war nicht nur berühmt, er konnte sich auch etwas leisten.

In Friedenau war man zugleich engagierter Schriftsteller, Bohemien und Nachbar. Max Frisch etwa gestand, wegen Grass und Co. nach Friedenau gezogen zu sein. Dort ging es denn auch gleich auf den Wochenmarkt am Breslauer Platz: „…?eingeführt durch Günter Grass; Fischkunde.“