Günter Grass im Jahr 2009 in Gdansk.
Foto: Imago Images 

Gdansk (Danzig)Als der Schriftsteller Günter Grass im Jahr 2005 zum ersten Mal die Stufen des schmucken Stadthauses „Villa Eva“ in Danzig-Langfuhr erklomm, war Wiktoria Kulczycka elf Jahre alt. „Man sah ihn immer nachdenken oder schreiben, und immer mit der Pfeife im Mund. Mir kam er damals vor wie ein sehr geheimnisvoller Mensch“, sagt sie heute. Immer wieder residierte der ältere Herr im Hotel ihrer Eltern, setzt sich am Abend mit seiner Frau Ute oder auch mit seinen Übersetzern in einer Nische des Gastraumes zum Abendessen.

Für Grass, der seit 1958 seine alte Heimatstadt so regelmäßig aufsuchte, wie es unter den politischen Bedingungen des Kalten Krieges möglich war, stellte die Villa Eva zunächst ein Geheimnis dar. Wie konnte es sein, dass ihm, 1927 in Langfuhr geboren, das Haus nicht im Gedächtnis geblieben war? Er hatte als Kind so oft in dieser Straße – dem damaligen Steffensweg – gespielt; hatte auf genau dieser Wiese, die jetzt hinter dem Haus lag, Äpfel gesammelt und gegessen, nur war da kein Haus gewesen.

Ewa Kulczycka, Wiktorias Mutter, konnte dem Dichter, der 2005 bei ihr im Foyer stand, die Richtigkeit seiner Erinnerung bestätigen. Tatsächlich hatten erst ihr Mann und sie dem neu gebauten Haus bei der Umgestaltung zum Hotel mit geschwungener Vortreppe, altmodischem Dachaufsatz und jugendstilartiger Bemalung das Aussehen einer viel älteren Stadtvilla verliehen.

Günter Grass, der – wie der Danziger Stadtpräsident Pawel Adamowicz einmal schrieb – immer sowohl voller Nostalgie das alte Danzig suchte als auch voller  Neugier das „neue“ Gdansk kennenlernen wollte, hat diese Geschichte offensichtlich so gut gefallen wie das Haus selbst, denn seither wohnte er während seiner Besuche in der Villa Eva. Sein Zimmer auf der Rückseite des Hauses lag zum Wald hin – und natürlich zur Wiese mit den hundertjährigen Apfelbäumen, die bei seinen Besuchen  Äpfel für die Nachspeisen, zum Beispiel die Apfel-Calvados-Sauce zu den crepeartigen Plinsen, bereitstellten.

Perlhuhn und Leberpastete wie aus einem Werk von Grass

Am 13. April jährt sich der Todestag des Dichters und Nobelpreisträgers zum fünften Mal. Fünf Jahre sind vergangen, in denen die Kulczyckas das Grass‘sche Romanwerk gewälzt haben, um herauszusuchen, wo er über Essen schrieb – und um daraus Rezepte zu entwickeln, die Grass gleichsam „angedacht“ hat: Perlhuhn, Leberpastete, die Bandbreite ist groß. „Sie glauben nicht, was für ein dicker Packen Text da zusammenkommt“, sagt Wiktoria Kulczycka.

Der Steffensweg, heute S. Batorego, mündet in die schönste Straße des alten Langfuhr. Der ehemalige Jäschkentaler Weg ist gesäumt mit anmutigen Stadtvillen voller Türmchen und Giebel, mit weitläufigen verwilderten Gärten, und führt direkt hinein ins hügelige Gelände des Jäschkentaler Waldes. Hier spazierte Oskar Matzerath als Kindergartenkind,  noch ohne Blechtrommel, hier rodelte Tulla Pokriefke aus den „Hundejahren“ im Winter mit ihrem Cousin.

Günter Grass selbst hat einen guten Teil seiner Kindheitsabenteuer in diesem malerischen Waldgebiet verbracht, das gleichsam den südlichen Rand des Danziger Stadtteils Langfuhr, heute Wrzeszcz, und dessen edle Seite darstellt. „Geplante Gärten hinter eisernen, niemals schmucklosen Zäunen. Buchsbaum, Taxus und Rotdorn. Teurer englischer Rasen, der im Sommer berieselt werden musste und im Winter kostenlos unterm Schnee lag. Trauerweiden und Edeltannen flankierten, überragten und beschatteten die Villen.“

Das Conradinum, in dem Günter Grass Schüler war, heute.
Foto: Bernadette Conrad

So heißt es in „Hundejahre“ - und stimmt noch immer. Aber Langfuhr, dieser gleichsam vor der Haustür der Innenstadt gelegene Stadtteil ist nicht gleich Langfuhr. Also auf zu einer Orstbesichtigung. Man steigt in der Altstadt in die parallel zum nahen Meeresufer in Richtung Zoppot fahrende Straßenbahn,  steigt beim dritten Halt - „Wrzeszcz“ – aus. Schaut sich dann, die Herz-Jesu-Kirche im Blick, in der Grass 1927 getauft wurde, im noblen, links der Tramlinie liegenden Langfuhr um.

In Langfuhr findet man die Roman-Schauplätze

Erst nach rechts aber, im „unteren“ Langfuhr, geht es in jene Grass'sche „Kernzone“, in der einem die Erinnerungsorte und Romanschauplätze auf Schritt und Tritt begegnen. Oder, in den Worten des Dichters: Langfuhr, dieser „Vorort zwischen Schrebergärten, Exerzierplätzen, Rieselfeldern, leicht ansteigenden Friedhöfen, Werftanlagen, Sportplätzen und Kasernenblöcken, Langfuhr, das rund 72.000 gemeldete Einwohner beherbergte … war so groß und so klein, dass alles, was sich auf dieser Welt ereignet oder ereignen könnte, sich auch in Langfuhr ereignete oder hätte ereignen können.“

Im früheren Kleinhammerpark rechts neben der Straßenbahnstation befand sich in den 1930er- und 40er-Jahren das Vereinslokal der Nazis, deren Partei Walter Matern aus „Hundejahre“ beitrat, „nach innen mit allen Zähnen knirschend“. Tulla und ihr Cousin beobachteten, wie es „in der Adventswoche, in der Marienstraße 13, in Langfuhrs größtem und schönstem Gartenetablissement ‚Kleinhammerpark‘ - Jeden Dienstag frische Waffeln – zu einer Schlägerei kam.“

Im schmiedeeisernen Tor, das in den Park führt, sind irgendwann in den vergangenen 20 Jahren die Buchstaben ausgewechselt worden: Park Kuzniczki steht da nun, und die am Park entlanglaufende Marienstraße, heute Wajdeloty, stellt mit Cafés, Buchhandlung, kleinen Läden den Mittelpunkt einer bunten, belebten und sich rasant gentrifizierenden Gegend dar.

Auf einer Grünfläche sitzt Grass selbst, die Pfeife in der Hand und in Bronze gegossen, hinüberschauend zu seinem Banknachbarn, dem seinerseits ewig in einer kleinwüchsigen Kindheit feststeckenden Blechtrommler Oskar Matzerath. Dass die Straßenzüge ringsum mit den zwei- bis dreistöckigen bürgerlichen Reihenhäusern im Krieg – wie das Meiste in Langfuhr – von Bomben verschont blieben und also in ihrer Einheitlichkeit weiter wirken, trägt zur freundlichen Atmosphäre dieser Straßen bei.

Der kleine Günter: ein Stubenhocker und Einzelgänger

Durch Aldony oder Grazyny, die frühere Luisen- oder Elsenstraße, gelangt man in die Lelewela, den Labesweg, in dessen unauffälliger Nummer 13 Helene Grass einst versuchte, mit ihrem Kolonialwarenladen die Familie über Wasser zu halten. „Ginterchen“, dem einzigen Sohn, stand lediglich ein Winkel der engen Wohnung, genauer: eine „flache Nische unterm Bord des rechten Wohnzimmerfensters“ zu. Die musste reichen für die „Klebealben für Zigarettenbilder, Plastilin-Knetmasse, den Malkasten, die geheimen Schreibhefte“. Er sei ja nicht nur ein „Pimpf des Jungvolks in Uniform“ gewesen, der „sich bemühte, im Gleichschritt zu marschieren … sondern auch ein Stubenhocker, der mit den Schätzen seiner Nische haushielt. Selbst in Reih und Glied blieb ich ein Einzelgänger, der aber nicht sonderlich auffiel; ein Mitläufer, dessen Gedanken immer woanders streunten.“

Günter Grass enthüllt seine Skulptur „Den Butt im Griff“ im Jahr 2014.
Foto: Imago Images 

Weiter erzählt Grass in „Beim Häuten der Zwiebel“ davon, wie ihn „der Wechsel von den Volksschule zur Oberschule zum Conradiner gemacht“ habe und wie er mit der „traditionell roten Gymnasiastenmütze, geschmückt mit dem goldenen C“ Grund zu haben meinte, „hochnäsig stolz zu sein, weil Schüler einer namhaften Lehranstalt, der die Eltern mühsam abgespartes Schulgeld in Raten zahlen mussten, weißnichtwieviel …“ Die „namhafte Lehranstalt“, immer noch Schule, immer noch Conradinum genannt, ist ein stolzer dunkelroter Backsteinbau mit hoch aufragendem verziertem Giebel im noblen Langfuhr links der Bahnlinie. So sehr Grass der „muffige, nicht zu lüftende Kasten“, den er ein paar Jahre später wegen „Aufsässigkeit einem prügelnden Turnlehrer“ gegenüber verlassen musste, auch nervte: In etlichen seiner Bücher, wie hier in „Katz und Maus“, hat Grass dem Conradinum ein Denkmal gesetzt.  Direktor Andrzej Butowski pflegt heute die mehr als 200-jährige deutsch-polnische Tradition der Schule. Und betont gern, dass deutsche und polnische Geschichte im Conradinum zusammenkommen.

Günter Grass stand wie kein anderer für die innere Verbindung zwischen dem deutschen Danzig und dem polnischen Gdansk, die er konsequent seit den 1950er-Jahren mit aufbaute. „Grass war für uns, besonders nach der Wende, die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart“, sagt der Danziger Historiker Jan Daniluk. „Nach dem Nobelpreis 1999 wurde er geradezu zur Legende, zu einem Symbol, das man auch überstrapaziert, gleichsam ,übernutzt‘ hat.“ So war der Schock nach dem Interview mit der FAZ im Sommer 2006 groß. Dass Grass sich 15-jährig freiwillig zum U-Boot-Einsatz gemeldet hatte, um der familiären Enge zu entkommen – und dann 17-jährig der Waffen-SS zugeteilt wurde, die „in den letzten Kriegsmonaten 1944/45 nahm, was sie kriegen konnte“, kostete ihn die Achtung vieler Polen. Aber kann man Grass nicht auch den Mut zugutehalten, mit dem er sich 79-jährig sehenden Auges dem zu erwartenden Sturm der Entrüstung aussetzte? Im FAZ-Interview auf diese Entscheidung angesprochen, hatte Grass geantwortet: „Es war mein eigener Zwang, der mich dazu gebracht hat.“ Daniluk sagt dazu heute: „Wenn es um das Gedächtnis der Geschichte geht, sind wir Polen sehr emotional. Das kann dann bedeuten, dass wir entweder lieben oder hassen.“

Danzig und insbesondere der Stadtpräsident Pawel Adamowicz hielten Grass damals die Stange, seine Ehrenbürgerschaft blieb bestehen. Läuft man jetzt, im Frühjahr 2020, durch die Straßen und Gassen der sogenannten „Rechtstadt“, des alten, genauer: des wiederaufgebauten Danzig mit seinen schmalen hohen Bürgerhäusern und ihren kunstvoll verzierten Giebeln, stößt man immer wieder, in Schaufenstern und Bars, in Kulturstätten, auf das Porträt des im Januar 2019 ermordeten Pawel Adamowicz, dieses Stadtpräsidenten, für den die Freundschaft zu Grass ein Aspekt jenes liberalen, offenen und toleranten Danzig war, das er vertrat.

Gemeinsam weihten sie drei Jahre später, 2009, die mitten in der Rechtstadt gelegene „Galleria Güntera Grassa“ ein. „Wir sind kein Museum, sondern ein Ort für Experiment und Dialog, an dem zeitgenössische Künstler vieler Sparten die Möglichkeit erhalten, auf einen der vielen Aspekte aus Grass' reichem Werk zu reagieren“, sagt Marta Wroblewska, die bis vor kurzem die Galerie leitete; die auch eine Buchreihe, „Grass Plus“, initiierte und im jährlich neu ausgeschriebenen Festival „Grassomania“ künstlerische Projekte mit Bezug zu Grass' Werk entgegennahm. Im kleinen hinteren Raum sind Zeichnungen und Radierungen von Grass zu sehen, während im großen Hauptraum zur Straße aktuelle Kunst stattfindet.

Bei seinem letzten Besuch in Danzig  im Jahr 2014 schenkte Günter Grass der Galerie die Skulptur „Den Butt im Griff“ und enthüllte sie gemeinsam mit Adamowicz. Seither hat sie vor der Eingangstür, mitten auf der belebten Straße Szeroka, ihren Platz. Marta Wroblewska erzählt: „Zu jeder Tageszeit sieht man Kinder auf den Butt klettern, ihn küssen, man sieht Erwachsene, die sich mit ihm fotografieren – die Skulptur spricht zu allen. Ich denke, das zeigt, wie präsent Günter Grass in unserer Stadt ist. Er ist irgendwie immer dabei.“