Der Archäologe Barthold hat allen Grund zu versuchen, seine Frau an ihrem 40. Geburtstag günstig zu stimmen. Ist ihr doch gerade beim Abreißen des alten Schuppens ein fremder Büstenhalter in die Hände gefallen, dessen Herkunft Barthold nicht erklären konnte. Doch die Geschäfte sind leer, bieten jedenfalls nichts Verlockendes an. Bis man Barthold zu einem Besuch im Intershop rät.

Nicht druckbar in der DDR

Nicht erst an dieser Stelle im Roman „Die zweite Frau“ von Günter Kunert wird klar, dass es sich hier um einen historischen Stoff handeln muss. Auch dass die Begegnung mit dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht im Traum eine gruselige ist und ein Westreisender gefragt wird, ob er denn schon Rentner sei, deutet bereits darauf: Die Handlung ist im Alltag der DDR angesiedelt.

Dass so ein Roman dortselbst nicht druckbar gewesen wäre, wird einem von Seite zu Seite klarer. Barthold und seine Frau Margarete Helene (die Erzählperspektive wechselt oft) werden vom Autor in absurde Situationen geschickt, die zwar satirisch überhöht sein mögen, aber allesamt typisch sind für Zeit und Schauplatz.

Der Zahn der Zeit tat dem Manuskript nicht weh

Dennoch klingt es wie ein Märchen, was im Schutzumschlag vermerkt ist: „In einer Truhe fand Günter Kunert unlängst ein Manuskript, das er vor fast fünfundvierzig Jahren geschrieben hat – einen Roman, so frech, so brisant und ,politisch unmöglich‘, dass Kunert, der damals noch in der DDR lebte, ihn gar nicht erst einem Verlag vorlegte.“ Die Ausgabe, die jetzt erschienen ist, erweist sich als eine Flaschenpost aus der fernen Vergangenheit.

Dabei sollte man nicht an ein paar beschriebene Blätter denken, sondern eher an eines der filigranen Buddelschiffe, wie sie in maritimen Museen ausgestellt sind. Denn das in der Truhe verwahrte Manuskript erweist sich als ein kunstvoll gebauter Roman, frei von Verletzungen, die ein Zahn der Zeit hineingeknabbert hätte: Es gibt philosophische und politische Anspielungen, offensichtliche und vermutliche Traumsequenzen, Elemente einer Verwechslungskomödie, dazu noch eine herzliche Liebesgeschichte. Man kann dem Autor nur zu seinem Fund gratulieren.

Warum bekommen wir das erst jetzt zu lesen?

Außenseiter-Dasein

Günter Kunert, der am 6.März 90 Jahre alt wird, ist vor allem als formbewusster und formenaufbrechender Lyriker, als Essayist und Meister der kurzen Prosa bekannt, in der DDR liebte sein Publikum auch seine Reisebücher. 1997 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel „Erwachsenenspiele“. Er beschreibt ein Leben im Außenseiterstatus, als Kind einer jüdischen Mutter im Nazi-Deutschland, als Dissident in der DDR. Die Memoiren reichen bis zur Ausreise in den Westen 1979. Als einer der Erstunterzeichner der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns war er aus der SED geflogen und sah sich in seiner Arbeit noch stärker behindert als zuvor.

In Dokumentensammlungen ist belegt, wie Spitzel und Funktionäre seit dem berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED daran arbeiteten, Kunerts Werk als pessimistisch und antisozialistisch zu diffamieren. Filmszenarien wurden verboten, Buchveröffentlichungen verhindert, oder sie waren nur mit jahrelanger Verzögerung möglich.

"Im Namen der Hüte"

So erschien sein erster Roman „Im Namen der Hüte“ – von dem man bis vor kurzem glaubte, es wäre sein einziger – 1967 im Hanser Verlag in München, es folgten Übersetzungen ins Französische, Italienische, Niederländische, bis das Buch 1976 in der DDR herauskam. Da gab es „Die zweite Frau“ schon; „geschrieben 1974/1975“ ist am Ende vermerkt. „Was habe ich für Zeit und Kraft verpulvert, damit irgendein amtliches Arschloch sein ,Njet!‘ unter das jeweilige Manuskript setzen konnte“, schreibt Günter Kunert in den Erinnerungen.

Sein Überlebensmittel als Autor waren die Veröffentlichungen im Westen. Darüber, warum er „Die zweite Frau“ damals nicht Hanser angeboten hatte, lässt sich nur mutmaßen. Vielleicht, weil das Echo auf den ersten Roman nach einem Verriss durch Marcel Reich-Ranicki eher verhalten war. Vielleicht, weil Kunert ohnehin ein so produktiver Autor ist, der nach seiner Ansiedlung im schleswig-holsteinischen Kaisborstel Jahr um Jahr neue Lyrik- oder Kurzgeschichtenbände herausbrachte. Vermutlich hielt ihn auch das Thema ab. Ist „Im Namen der Hüte“ ein pikaresker Roman aus dem Nachkriegsberlin, der trickreich deutsche Schuld am Holocaust, an Gewalt und Militarismus anklingen lässt, ist „Die zweite Frau“ eindeutig in der DDR zu Hause.

Westkontakt Montaigne

Der Romanheld Barthold beschäftigt sich als Archäologe mit einer „Vergangenheit, an der nichts mehr zu bewältigen war“. Doch ist er erschöpft von der Arbeit, von einer schwammigen Diagnose („vegetative Dystonie“) und dem ihn immer wieder zum Warten zwingenden Alltag. Trost findet er nur bei der Lektüre der Essays von Montaigne. Margarete fühlt sich zurückgesetzt, fragt böse: „Macht dich das glücklich, dass einer für dich alles vorgedacht und vorgekaut hat, und du es bloß noch nachzuquatschen brauchst?“

Kunert erzählt nur scheinbar linear, er hakt die Perspektive Margaretes in die von Barthold ein, wechselt schnell die Schauplätze, fügt dialogisch Szenen ein, die ulkig sind wie im Türenklapp-Theater, aber für Menschen mit DDR-Erfahrung einen düsteren Ernst in sich tragen.

Mit Ost-Geld im Intershop

Da will eine Frau mit ihrer Rente im Intershop zahlen und wird brüsk von der Verkäuferin abgewiesen. Barthold beobachtet die Umstehenden: „Triumph und Betretenheit teilten sie in die bekannten Hälften, von denen die eine meinte, sie habe den Krieg gewinnbringend verloren, während die andere sich den Siegern der Geschichte zurechnete, was sie aber teuer zu stehen kam.“ Weil er wieder Montaigne zitiert, den er als „einen alten Franzosen“ bezeichnet, taucht bald die Stasi bei Margarete auf. „,Sie können mich Müller nennen!‘ Also hieß er wahrscheinlich Schmidt; das sollte vermutlich strikt geheimbleiben …“

Die heikelsten Szenen schildert der Autor mit dem größten Geschick, begegnet den Missständen im Osten und menschlichen Schwächen wie Gesprächsunfähigkeit mit Ironie. Worthülsen bringt er auf ihren unsinnigen Kern – weil es „keine irreal existierenden“ Umstände gibt. Er übt sich in wissenschaftlich klingender Genauigkeit – „trotz eminenter Verzögerung der Gehirnelektrizität durch alkoholische Isolation“. Und er hinterfragt Redewendungen, etwa wenn es den klaren Schnaps „aus dem Heimatland des Wodkas“ gibt, was sehr selten geworden sei, „bei Wodka hört anscheinend die Freundschaft auf“.

Der Autor grüßt als Pessimist

Solch spielerische Ironie dürfte vielleicht Lesern von Adolf Endler und Katja Lange-Müller einigermaßen vertraut sein, aber sie ist rar in der deutschen Literatur. Und dann wird noch von einem zynischen, pessimistischen Dichter Kunert erzählt, beim Geburtstagsründchen, während Margarete Helene weiß, dass sich Vorsicht und Literatur nicht vertragen, weshalb alle Bücher langweilig seien. Es ist eine Botschaft, die ihre Leser nicht erreichte: „Unsere Angst, anzuecken und Ärger zu kriegen, bringt uns um die Lebensintensität.“

Der Roman „Die zweite Frau“ hat durch seine lange Lagerung an literarischer Intensität nichts verloren.