Als Günter Kunert vor drei Wochen in Berlin zu Gast war, zeigte er sich entschlossen, nicht jedem zu gefallen. Er erschreckte den Moderator des Abends damit, nicht vorlesen, sondern sich nur unterhalten zu wollen. Seine Stimme sei wegen der vielen Interviews, die er hatte geben müssen, etwas angegriffen. Die Stimme war frisch genug, seinen Gesprächspartner mit kleinen Bemerkungen aus dem Konzept zu bringen. Aber der, es handelte sich immerhin um den Schriftsteller Ingo Schulze, begriff schnell, dass Kunert sich so nur aufführte, weil die rund 350 Menschen unten im Saal ihre Freude haben sollten. Also stellte Schulze die entsprechenden Fragen.

Günter Kunert - produktiv, doch nicht zwingend populär

Als Einwohner des Örtchens Kaisborstel nahe Itzehoe war Kunert zu Gast in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung. Recht eigentlich war es ein Heimspiel in Berlin, der Stadt, wo er am 6. März 1929 geboren wurde, in der er bis zu seiner Ausreise aus der DDR im Jahre 1979 lebte. Und deshalb drängte das Publikum, kaum war das letzte Danke des moderierenden Schriftstellers gesprochen, nach vorn, Bücher schwenkend, um Unterschriften bittend. Bestimmt eine Stunde saß der Autor dann noch und signierte sein neuestes Werk, das in Wirklichkeit ein ziemlich altes ist: „Die zweite Frau“ entstand Mitte der 70er-Jahre. Der Wallstein-Verlag verbreitet das Anfang Februar erschienene Buch bereits in der dritten Auflage.

Mit dem Erfolg war nicht zu rechnen gewesen. Zwar ist Günter Kunert ein äußerst produktiver Autor, doch nicht gerade populär: Etwa die Hälfte seines Werks besteht aus Lyrikbänden. „Wer liest denn noch Gedichte?“, fragte Kunert herausfordernd. Das ihm doch so zugewandte Publikum verpasste den Einsatz und schwieg betreten.

Kunert verließ die DDR in die USA

„Die zweite Frau“ ist erst sein zweiter Roman nach „Im Namen der Hüte“. Er musste dieses Buch schreiben, doch er wusste, dass es nicht druckbar sein würde. Zwar veröffentlichte er lange schon im Westen (die DDR-Ausgabe der „Hüte“ folgte erst neun Jahre nach der Münchener), doch bewegte sich die Handlung diesmal zu deutlich durch die wirtschaftlichen Mängel und die politische Gängelei der DDR.

Dann hätte er, der zu Poetik-Dozenturen nach Großbritannien und in die USA reiste, der in Berlin-Buch aller Überwachung zum Trotz ein offenes Haus unterhielt, an dessen Tisch auch die West-Kollegen F. C. Delius, Reinhard Lettau und Günter Grass speisten, mindestens mit einem Prozess wegen Devisenvergehens rechnen müssen, wie es Stefan Heym passierte. Als Kunert 1979 Berlin mit seiner ersten Frau und sieben vom Tierarzt mit Schlafmitteln versorgten Katzen verlässt, geht er in Frieden, mit einem mehrjährigen Visum nämlich.

Als Maler und Schriftsteller ist er erfolgreich

Es erscheinen sogar noch Bücher im Aufbau-Verlag. 1988 heißt es im Band „Die befleckte Empfängnis“: „Der Abgrund, der einst Fortschritt hieß,/ von nichts als Worten überbrückt,/ durch seinen Namen hoffen ließ,/ entschleiert sich: Wie stets mißglückt/ das Glaubensspiel, verloren fast/ schon die Partie: der Einsatz fort,/ dadurch gewonnen nur die Last/ der Wahrheit über deinen Ort.“ Was Günter Kunert an Witz in seine Prosa steckt, wird in der Lyrik oft aufgehoben durch einen luziden Blick auf und durch die Verhältnisse. Er betrachtet die Natur im Griff des Menschen, sieht Tote in Bäumen hängen, hört dem Straßenpflaster seine Geschichte ab und sammelt die Federn auf, die Ikarus verloren hat.

Günter Kunert hat auch Filmszenarien und Reisebücher geschrieben. Und er malt – bringt in Bilder, wofür er die Worte nicht findet. Seine Frauen- oder Katzenwesen, Zeitmaschinen und Selbstporträts mit großem Schnurrbart setzen die Prosa-Traumskizzen fort. Im Band „Ohne Umkehr“ bemerkt er „Die Schriftsteller halten mich für einen großartigen Maler, die Maler mich hingegen für einen grandiosen Schriftsteller. Mehr kann man nicht verlangen.“

Günter Kunert plant bereits das nächste Buch

Nicht nur wegen seiner Vielgestaltigkeit nimmt sein Werk in der deutschen Literatur einen besonderen Platz ein, sondern wegen der überzeugenden Form seiner Gedichte, der funkelnden Ironie der Geschichten und der geschliffenen Sprache in den Essays. Als kränkliches Kind einer jüdischen Mutter, die zwar geschützt war durch die Ehe mit einem „arischen“ Mann, doch mit der Verschärfung der NS-Rassengesetze zunehmend in Angst lebte, wuchs Günter Kunert vor allem mit Büchern auf. Er nutze früh das Lesen als Rettungsseil, um sich aus widrigen Verhältnissen zu hangeln und setzte dies später schreibend fort. 

„Worin denn besteht die Wirksamkeit von Literatur, wenn nicht darin, uns lebensfähiger zu machen, nämlich fähiger, unsere Existenz, also deren Unsinnigkeit, Beiläufigkeit, krude Vermessenheit überhaupt zu ertragen“, sagte er 1985, gebeten, vor dem Börsenverein des deutschen Buchhandels über Politik und Literatur zu sprechen. Zwar nannte er in „der tödlich bedrohten“ Welt „politisches Desinteresse selbstmörderisch“. Doch Kunert wollte und will die Literatur von einer politischen Inauftragnahme entbinden.

„Große Ereignisse lassen ihre Schatten zurück“ lesen wir in dem Band „Die Geburt der Sprichwörter“. Die 90 Jahre des Günter Kunert sind von zahlreichen Schatten der deutschen Geschichte bedeckt worden. Wenn er der Pessimist wäre, den man ihm andichtet, wäre er unter diesem Dunkel längst erstickt. Doch der Dichter blickt der Zeit ins Auge und hört auf ihren Rhythmus. Nach dem Berliner Gesprächsabend planen der Wallstein-Verleger und der Autor bereits das nächste Buch.