Auf die Frage, welchen Film er sich zu seinem 90. Geburtstag wünsche, hatte Günter Stahnke vor ein paar Wochen noch geantwortet: „Der Frühling braucht Zeit“ (siehe Berliner Zeitung vom 10. Oktober). Und er war gern zur Matinee ins Kino in der Brotfabrik gekommen, um noch einmal Auskunft zu geben über die frühen 60er-Jahre, in denen er, wie mancher seiner Kollegen, so viel Hoffnung auf einen reformierbaren Sozialismus gehabt und diese Hoffnung auch in filmische Geschichten und Formen gegossen hatte.

Sein Film „Der Frühling braucht Zeit“ orientierte sich sichtlich an osteuropäischen Vorbildern, an Werken des Polen Andrzej Munk und mehr noch an dem moralistischen Gerichtsdrama „Der Angeklagte“ der Tschechen Jan Kadar und Elmar Klos, zwei Regiegrößen des Prager Frühlings. Aber dem Frühling, dem viel beschworenen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, wurde keine Zeit gelassen, weder in Babelsberg noch später in Prag. Und das bittere Defa-Drama von der Zerstörung eines Einzelnen unter dem Druck allmächtiger Parteifunktionäre verschwand im Tresor.

Günter Stahnke wurde, mitten im besten Lauf, aus der Defa ausgesondert. Er fand Unterschlupf zunächst im Metropol-Theater, bei Revuen und Operetten sowie in der Rubrik der Heiteren Dramatik des DDR-Fernsehens.

Günter Stahnke drehte mehr als 40 Fernsehfilme

Zwischen „Telegenerell“ (1969) und „Klein, aber Charlotte“ (1990) drehte er in diesem Segment mehr als vierzig Fernsehfilme und Serien, Possen, Lustspiele und Komödien. Viele Größen des DDR-Fernsehens spielten bei ihm: Ingeborg Krabbe und Rolf Herricht, Gerd E. Schäfer und Herbert Köfer, Helga Göring und Fred Delmare, Helga Hahnemann und immer wieder seine Frau Helga Piur.

Aber erst im Herbst 1989, als die Archive der verbotenen DDR-Filme geöffnet werden durften, lernten viele Zuschauer den anderen Stahnke kennen. Da kam erstmals auch „Monolog für einen Taxifahrer“ (1963) zum Vorschein, jene Studie sozialer Entfremdung, in der Fred Düren in der Titelrolle mit seinen bohrenden, quälenden Fragen an die Gesellschaft zur Hochform aufgelaufen war.

Günter Stahnke war Vorbild für jüngere Filmemacher

Günter Stahnke wurde in den letzten Jahren von jüngeren Filmemachern entdeckt. Sie nahmen ihn gleichsam in ihre Traditionslinie auf, ein seltener Vorgang in der deutschen Filmgeschichte, die sich ja immer wieder neu erfindet und eine Rückbesinnung auf Traditionen kaum kennt. Christoph Hochhäusler zum Beispiel schätzt ihn sehr, aus der wissbegierigen Haltung eines Interviewers für die Zeitschrift Revolver wuchs vielleicht sogar so etwas wie eine Freundschaft über Altersgrenzen hinweg. Nun ist Günter Stahnke, wie die Familie gestern bekanntgab, am 11. November verstorben.