Sie diskutierten über die Zukunft der Kinder, aber es ging um etwas ganz anderes: die Wahlfreiheit der Erwachsenen. Denn die Möglichkeit, zwischen einem Kitaplatz für den einjährigen Kevin und die zweijährige Marie-Lou und einer privaten Betreuung zu wählen, ist das zentrale Argument derjenigen, die wie der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt das „Betreuungsgeld“ für eine gute Sache halten. Aber auch für die, die wie Christa Müller von den Linken den vorgesehenen Betrag als Kleingeld  abtun, und jene, welche wie die mecklenburg-vorpommerische SPD-Sozialministerin Manuela Schwesig die  Gesamtfördersumme von 2,1 Milliarden Mark lieber ohne Umweg in die Kita-Förderungen stecken würden, berufen sich ein zentrales Gut der Demokratie: die Wahlfreiheit.

Ab August 2013 werden Eltern von ein- und zweijährigen Kindern ihren Kitaplatz einklagen können. So will es das Gesetz. Aber was ist das für eine Wahlfreiheit, wenn Eltern bei Kita-Castings antreten müssen, um einen der raren Plätze zu ergattern?

Riesige Versorgungslücken in den Metropolen

Schon jetzt gibt es vor allem in den Metropolen wie Berlin, Köln oder München riesige Versorgungslücken. Die Leiterin einer Berliner Kindertagesstätte berichtete in der Sendung von ihren wegen Überfüllung geschlossenen Wartelisten und den aufwändigen Bewerbungsmappen, mit denen die Eltern versuchen herauszustechen. Für eine Erweiterung der Einrichtung fehle es ihrem Träger nicht an Bauten, sondern an den städtischen Zuschüssen für das pädagogische Personal. Der Antrag für weitere 50 Kitaplätze sei gerade von der Stadt Berlin abgewiesen worden.

Erst in der letzten Woche hatte Bundesfamilienministerin Schröder bekannt gegeben, dass bundesweit noch 160.000 Kitaplätze fehlen, um den statistisch errechneten Bedarf von 39 Prozent erfüllen zu können. „Was machen Sie eigentlich, wenn mehr Eltern einen Kitaplatz haben wollen?“, fragte der Sozialwissenschaftler Stefan Sell den Koalitionsvertreter Dobrindt. Soeben hatte Günther Jauch einen Einspielfilm gezeigt, in dem die juristische Antwort von einem Fachmann beschrieben worden war: Briefpapier raus, Klage gegen das zuständige Jugendamt formuliert, ab zum Verwaltungsgericht. So einfach wird es formal künftig sein, sein Recht auf einen Kitaplatz zu erstreiten. Einen Haken hat die Sache aber: Die Klage sei zwar sehr aussichtsreich, werde aber aller Erfahrung nach von den Gerichten erst entschieden sein, wenn das betroffene Kind den Platz aus Altersgründen gar nicht mehr benötige. Was bleibt den Eltern? Die Betreuung doch erst einmal privat zu organisieren und die Kosten später beim Jugendamt einzuklagen. Die Wahlfreiheit wird also ein Schadenersatzanspruch.

Jauch stellt die richtigen Fragen

Günther Jauch stellte die richtigen Fragen: „Haben Sie keine Angst vor einer Bundestagswahl im September, wenn die Wähler im August gerade festgestellt haben, dass sie einen Rechtsanspruch haben, der nicht einlösbar ist?“, fragte er Alexander Dobrindt, der die Herdprämie von zunächst nur 100 Euro pro Monat als gleichwertiges „Ergänzungsmodell“ zum gesetzlichen Kita-Anspruch verteidigte. „Sie wollen ernstlich in den Wahlkampf ziehen mit der Ankündigung, den Eltern das Betreuungsgeld wieder wegzunehmen?“, hakte Jauch bei Manuela Schwesig nach. Und Christa Müller brachte er mit einer simplen Bitte völlig aus dem Konzept: Er bat sie freundlich zu erklären, wieso die Linke ein so genanntes „Erziehungsgehalt“ in Höhe von 1600 Euro auch an Hartz-4-Empfänger auszahlen würde, es aber richtig findet, dass das Betreuungsgeld von 100 Euro mit den Hartz-Leistungen verrechnet, also nicht zusätzlich ausgezahlt wird. „Weil es weniger ist, kriegen sie es nicht?“

„Vielleicht könnte man das Parteipolitische ein bisschen raushalten“, bat die Fernsehmoderatorin Gabi Bauer, die sich als gutverdienende Mutter von Zwillingen gegen die Herdprämie und für den Ausbau der staatlichen Kita-Angebote aussprach. Gefragt, wie sie selbst sich entschieden hätte, als ihre Zwillinge klein waren, hatte Bauer eingangs ehrlich zugegeben: „Ich hätte das Geld nicht gebraucht, aber natürlich mitgenommen“. Bauer ließ ihre Kinder in der Vorschule einer französischen Privatschule betreuen. Diese École maternelle war praktischerweise um die Ecke. Und so können ihre Buben jetzt auch noch französisch.