Berlin - Verdienen Frau Maischberger, Frau Illner und Frau Will für ihre Talkshows eigentlich genauso viel wie Herr Jauch? Zumindest zusammen? Okay, das ist natürlich eine polemische Frage, die bei dem komplexen Problem, dass Frauen in Deutschland noch immer so viel schlechter bezahlt werden als Männer, kein bisschen weiterhilft. Andererseits funktionieren die abendlichen Talkshows von ARD und ZDF ja meistens auf dem Niveau: Die Fakten kommen als Einspielfilmchen, die Gäste müssen sich dann über Einzelfälle und schiefe Vergleiche und Behauptungen streiten. Und am Ende ist der Zuschauer so schlau wie vorher.

Bei „Günther Jauch“ schien das an diesem Sonntag ein bisschen anders zu laufen. Als er mit seinen fünf Gästen – drei Männer, zwei Frauen – in das Thema „Der ungerechte Lohn: Warum verdienen Frauen weniger?“ einstieg, schien es erstmal wirklich darum zu gehen, das Problem zu erfassen und auszuleuchten. Lag das etwa daran, dass es die erste Sendung nach der Stinkefinger-Affäre um den griechischen Finanzminister Giannis Varoufakis war, nach dessen Jauch-Auftritt heftig auch darüber debattiert wurde, wie seriös „Günther Jauch“ mit dem Thema umgegangen war – vor allem, nachdem der Satiriker Jan Böhmermann Jauchs unseriösem Griff zum Stinkefinger für einen halben Tag den Boden entzogen hatte? War die Jauch-Redaktion etwa in sich gegangen und wollte die Equal-Pay-Frage sachlicher angehen?

Konsens darüber, dass die Kluft altmodisch sei

Der Eindruck war von kurzer Dauer. Zwar wurde der Zuschauer nicht mit der bekannten Debatte darüber gequält, ob man von 22 Prozent Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen überhaupt sprechen darf – weil Frauen ja öfter in schlechter bezahlten Berufen arbeiten. Sogar der als neoliberaler Wirtschaftsfreund in die Runde gebuchte Roland Tichy, Ex-Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, forderte bald ganz klar eine Aufwertung der sozialen Berufe. Auch Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Telekom, bestätigte die Ungleichheiten, begründete sie mit Deutschlands Tradition als Industrie-Nation samt Umwuchsen zwischen produzierenden und sozialen Branchen – und forderte „endlich eine Wende“.

Nicht einmal die These, dass die statistisch bereinigten sieben bis acht Prozent Lohnunterschied in Ordnung seien, vertraten die geladenen Herren und/oder Unternehmer. Sogar der jungkonservative Hotelkettenchef Marcus Wöhrl erkannte die Lücke als Problem an, das einer modernen Gesellschaft schlecht zu Gesicht stehe.

Für eine Weile führte die Runde so die richtige Debatte: Woher rühren die unbestreitbaren Gehaltslücken zwischen Mann und Frau? Wie kann man dagegen angehen? Kann und sollte die Politik eingreifen, um sie zu schließen?

Schwesig: Die Familien sind längst weiter

Familien- und Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD) referierte Umfragen, laut denen die Mehrheit heutiger Familien sich längst gleichberechtigt in Kindererziehung und Karriere-Auszeiten teilen möchte – wären bloß die Unternehmen schon so weit. Im Job herrschten zu oft Präsenzpflicht, die Teilzeitfalle für Frauen (einmal Teilzeit wegen Familiengründung – immer Teilzeit) und eine Firmenkultur, die sich darauf verlässt, dass die Frauen für die Familie und die Karriere des Mannes zurücksteckt. Schwesig beklagte, dass deshalb trotz gegenteiliger Wünsche beider Partner letztlich eben doch die Frau sich um die Kinder und pflegebedürftige Angehörige kümmert.

ZEIT-Journalistin Elisabeth Niejahr ergänzte, dass Deutschland eben immer noch in der Übergangsphase zur Gleichberechtigung stecke – aus einer Ära kommend, in der die Väter als „Ernährer“ der Familie galten. Wozu übrigens auch die deutschen Gewerkschaften beitrugen, deren Lohnpolitik sich jahrzehntelang um mehr Geld für Papa drehte statt um die Verteilung von Arbeitszeit und Bezahlung. Anderswo war das durchaus anders, mit dem Ergebnis, dass Deutschland heute zu den vier EU-Ländern mit der größten Lohnkluft zählt. Das Steuersystem fußt noch immer auf dem traditionellen Familienbild und zementiert es durch entsprechende Anreize.

„Lohngleichschaltung“ mit Ministerin Schwesig

Tiefer in die Problemanalyse und Lösungssuche tauchte die Runde aber dann leider doch nicht ein. Denn Ministerin Schwesig war natürlich auch deshalb zu Gast, weil sie ihren Gesetzesvorstoß zur Lohngerechtigkeit zu bewerben hatte, den sie – das waren die News – noch dieses Jahr vorlegen will. Wenn man die Ausführungen richtig versteht, soll für Fairness vor allem sorgen, dass Arbeitgeber ihren Angestellten künftig deren Gehaltssegment verraten müssen. So könnten sich Frauen überhaupt erst  mit Männern vergleichen und gegebenenfalls nachverhandeln oder gar – via Antidiskriminierungsgesetz – klagen.

Doch gegen derlei Eingriffe in die freie Wirtschaft wurde Widerstand freilich zur Pflicht für Tichy und Wöhrl – aktuelles Bildzeitung-Porträt: „Model (nur zum Spaß), Millionär (schon von Haus aus) und Berlins coolster Hotelchef“, „Sohn von Dagmar (60, CSU, Ex-Miss-Germany) und Hans Rudolf Wöhrl (67, 40 Modehäuser, 360 Mio. Jahresumsatz)“. Tichy poltert gleich gegen Schwesigs „Lohngleichschaltungsgesetz“ und polemisiert, dass sonst immer nach Datenschutz gerufen werde, die SPD-Frau nun aber „Nacktscanner“ für die Gehaltszettel fordere.

Der Stinkefinger kam am Ende

Auch Unternehmer Wöhrl („Was ist schon gerecht? War Robin Hood gerecht?“) konnte nun nicht mehr der aufgeworfenen Frage nachgehen, warum die Kluft im Osten weniger groß ist als im Westen und ob man dafür für die Überwindung des „alten“ Familienbildes etwas lernen soll oder kann. Er nutzte den Ost-West-Unterschied, den auch er spüre, als Waffe gegen Schwesigs Regulierungsvorschlag: Würden die West-Frauen einfach so selbstbewusst verhandeln, so Wöhrl, bekämen sie auch mehr Geld. Ohnehin sei ein Transparenz-Gesetz unnötig, weil die jungen Leute heute sechs bis acht Smartphones besäßen und sich im Internet darüber austauschen könnten, ob ihr Gehalt angemessen sei. Zudem müsse er als Unternehmer seine fleißigen Leute doch noch besser bezahlen dürfen als die faulen!

So zeigte sich erneut: Ein Polit-Talk ist immer so stark wie sein schwächster Gast, und so stanzte am Ende auch Schwesig, natürlich sei der „Leistungsgedanke“ weiter wichtig und in Deutschland „muss sich Leistung lohnen“. Sie wolle doch nur etwas mehr Vergleichbarkeit.

Der ausgestreckte Mittelfinger schließlich kam wenig später ins Spiel, als Jauch sich bei Schwesig scherzhaft erkundigte, ob bei der Verhandlungen um ihr Gesetz mit Unionsfraktionschef Kauder jemand geweint habe. Damit hielt er Schwesig indirekt einen Macho-Spruch Kauders vor, der die Ministerin im Streit um die Frauenquote „weinerlich“ genannt hatte. Innerlich mochte Schwesig Jauch da nach einer Stunde selbstbewusster Argumentation wohl am liebsten mit dem Stinkefinger geantwortet haben. Äußerlich parierte sie gelassen: Es habe keine Tränen gegeben, „schon gar nicht von mir“. Und wie hat sich Günther Jauch nun, wie von vielen Zuschauer erwartet, zur Stinkefinger-Affäre um Varoufakis und Böhmermann geäußert? Ganz einfach: Gar nicht.