Das Projekt „Gürtelfrische West“: Rollrasen, Palmen und ein Pop-up-Pool mitten auf einer Straßenkreuzung in Wien.
Foto: artvan - kurt van der vloedt

BerlinGürtelfrische West“ heißt das Projekt, und ganz ehrlich: Ich dachte zunächst, es handele sich um eine Utopie und die Vorher-Nachher-Bilder seien eine Fotomontage. Auf dem ersten sieht man eine siebenspurige Straße, eine Riesenkreuzung also, mitten in Wien. Auf dem zweiten steht ein Swimmingpool auf ebendieser Kreuzung, daneben eine Bühne, Rollrasen bedeckt den Asphalt, darauf stehen Sonnenschirme, Palmen in Kübeln. Was ist passiert?

Etwas in Berlin ziemlich Unvorstellbares jedenfalls: Sie haben die Straße tatsächlich für drei Wochen gesperrt, bis Ende August nämlich. So lange kann man sich hier in einem eilends errichteten Swimmingpool abkühlen – kostenlos übrigens –, so lange finden hier Konzerte statt, bieten Künstler Workshops an, kann man unter Palmen chillen, in einem Bus übernachten. Eine rot-grüne Koalition aus dem 7. und dem 15. Wiener Bezirk hat bei den 150.000 Euro zusammengelegt, die der Spaß (aber wirklich!) kostet. 

Am Beginn der Umbauarbeiten.
Foto: Angelika Cech

Natürlich gibt es Kritik. Die Autofahrer murren, sprechen von Stau, in den Pool dürfen coronabedingt nur sechs Menschen auf einmal. Und nur für sie musste man einen Bademeister anstellen. Die verantwortlichen Politiker lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie haben sogar bereits angekündigt, dieses Projekt im nächsten Jahr zu wiederholen. Nur mit einer Verbesserung: Statt Rollrasen soll es 2021 echten Rasen geben. Man fasst es nicht hier in Berlin. Wien, du hast es einfach besser.

Die Gürtelfrische ist wie eine Schneise, die sich durch die gewohnten Bahnen des Denkens schlägt. Die umleitet, umlenkt. Die zeigt, dass es anders geht, als wir es kennen. Die Gürtelfrische ist ein Gestalt gewordener Diskussionsbeitrag zum Thema Nutzung des öffentlichen Raums. Er besagt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass der Großteil für den motorisierten Individualverkehr reserviert bleibt. Dass dieser Raum auch der Begegnung, der Entspannung und der in diesen Tagen so willkommenen Abkühlung zur Verfügung stehen könnte. „Das ist keine Aktion gegen Autofahrer, sondern eine Aktion für Menschen“, sagte Gerhard Zatlokal (SPÖ), Bezirksvorsteher von Rudolfsheim-Fünfhaus, bei der Präsentation am Sonnabend.

Es trauen sich die Städte so manches in diesen Corona-Zeiten, siehe neue Fußgängerzonen, siehe Pop-up-Fahrradspuren. Aber das Vorbild Wien zeigt: Es geht noch mehr. Her mit den Pop-up-Pools!

In einer früheren Version schrieben wir vom 13. Bezirk, da haben wir nun korrigiert.