Einen seiner ersten internationalen Filmpreise erhielt der Japaner Sion Sono 2006 von den Lesern einer deutschen Tagezeitung. Sie hatten ihren Publikumspreis „Strange Circus“ zugesprochen, einer Entdeckung im Berlinale-Forum. In einer eigentümlichen Mischung aus Autorenfilm und offensiv erotischem Genrekino erzählte „Strange Circus“ von einer jungen Autorin und der Neugier ihres Assistenten, der tief in ihr Vorleben eintaucht. In der Zwischenzeit ist Sion Sono zu einem gefragten Festivalregisseur geworden. Immer wieder staunt man, wie leichthändig er disparate Stimmungen zusammenfügt.

Die Dreiecksgeschichte „Love Exposure“ (2010), sein größter internationaler Erfolg, war eine Tour de Force aus allem, was dem Kino heilig und unheilig ist: Humor und romantisches Pathos trafen sich da, Sex und Religiosität. Sionos neuester Film „Himizu“, der noch nicht in deutschen Kinos lief, ist schließlich eine tragische Liebesgeschichte, gefilmt an den Originalschauplätzen der Tsunami-Katastrophe. Man muss auf alles gefasst sein bei Sion Sono.

Doppelleben und aufregende Träume

„Guilty of Romance“ kehrt zurück zum Thema von „Strange Circus“: dem Doppelleben eines Literaten und der Menschen, die ihm dienlich sind. Nur dass der Patriarch lediglich ein Schmonzettenautor ist – würdig gerade mal eines Nebenfigurendaseins in diesem erotischen Horrorfilm mit Kunstanspruch. Die eigentliche Hauptfigur des Films ist die devote Literatengattin Izumi; sie sollte das ideale Zielpublikum seiner romantischen Romane sein. Ihr wichtigstes Tagesritual absolviert sie, indem sie die Pantoffeln des Gatten genau ans rechte Plätzchen rückt. Doch Izumis Träume passen nicht zwischen die Buchdeckel gefälliger Liebesromane.

Angezogen von der Halbwelt des Porno- und Callgirl-Milieus wird sie ihrem dunklen Gegenstück begegnen – der Prostituierten Mitsuko, die gleichfalls einer anderen Existenz entflohen ist: Tagsüber doziert sie an der Tokioter Eliteuniversität über Semantik; abends befriedigt sie ihre eigene Lust, in dem sie Männer wie den Romanautor befriedigt – sofern sie etwas dafür bezahlen.

Auf einer äußeren Ebene wiederholt „Guilty of Romance“ die Muster populärer erotischer Romane wie „Fifty Shades of Grey“: Wie in diesem Beststeller garantiert ein abstraktes Wirtschaftsverhältnis die Autonomie der Liebesdienerin. Doch den pornografischen Blick bleibt Sion Sono dem Genre schuldig. Stattdessen inszeniert er die Erotikszenen mit ganz eigenem Stilwillen. In einer Sequenz sinnlicher Aggression wird die junge Frau von ihrem geheimnisvollen Liebhaber, einem Dandy in weißem Anzug, mit pinkfarbenen Farbbeuteln beworfen. Die sich daran anschließende Sexszene hat das Zeug zum Klassiker.

Weitere Handlungsebene á la Jack The Ripper

Komplettiert wird die schwarze Romantik dieses Films durch eine weitere Handlungsebene. Sie erzählt von einer masochistischen Kommissarin auf den Spuren eines modernen Jack the Ripper. Kazukos Vorliebe für Sex an den Tatorten bliebe jedoch abgeschmackt, wenn es Sono und seiner Darstellerin Miki Mizuno nicht gelingen würde, auch diese Figur ernst zu nehmen und plastisch auszuformen.

Es gibt nur wenige Filmemacher, die auch unterste Genre-Schubladen so kultiviert zu öffnen verstehen wie Sion Sono. Der Italiener Dario Argento besaß einmal dieses Talent, doch das ist lange her. Auch an den Spanier Pedro Almodóvar lässt sich denken, wenn hier mit leichter Hand eine Film-Noir-Atmosphäre gezaubert, kurz in die Untiefen der menschlichen Psyche geblickt und dann noch etwas Kunsttheorie darüber ausgeschüttet wird – und das alles ohne Bildungsattitüde.

Am Ende reden die sexuellen Freibeuterinnen über Franz Kafkas „Schloss“; zuvor haben sie dem Trivialautor gerade einen denkbar schlechten Abend bereitet. Und auf der Tonspur, sonst gern vom Regisseur selbst komponiert, hört man Mahlers 5.Sinfonie, mit deren Adagio Visconti beim „Tod in Venedig“ schwelgerische Melancholie verband. Ob das nicht doch ein wenig zu viel ist für einen erotischen Horror-Thriller? Nun, es ist wie alles an dieser filmischen Achterbahnfahrt – verwegen, aber lustvoll.

Der Verleih Rapid Eye Movies hat gut daran getan, nicht die kürzere internationale Fassung des Films ins Kino zu bringen, sondern die 144 Minuten der japanischen Originalversion. Denn auch das ist das Geheimnis dieses Regisseurs: Er breitet aus, wo andere raffen; er legt seinem Publikum das disparate Material zu Füßen, damit die eigentliche Gewichtung im Kopf des Zuschauers geschehen kann. Und in der Diskussion mit Freunden. Wo gibt es das schon in diesem Kinosommer?

Guilty of Romance Japan 2011. Regie: Sion Sono, Kamera: Sohei Tanikawa,Darsteller: Megumi Kagurazaka, Miki Mizuno, Makoto Togashi. 144 Minuten, Farbe. FSK keine Jugendfreigabe.