Kollegen zeigten sich nach einer ersten Preview über den Film „Gundermann“ verwundert: Es sei ein Stasi-Film geworden. Was denn, wirklich? Regie führte doch Andreas Dresen, Meister der Abwägung und der Genauigkeit, vertraut mit den Lebensverhältnissen im Osten im Allgemeinen, dem Werk von Gundermann im Besonderen. Er wird doch die Lebensdramen des allseits verehrten Helden aus dem Kohlebergbau von Hoyerswerda nicht auf diese elenden Spitzel-Episoden fokussiert haben!

Doch. Sie ziehen sich als fester Faden durch den ganzen Film. Es geht gleich damit los. Der Liedermacher und Baggerfahrer Gerhard Gundermann besucht 1992 einen Puppenspieler, bei dem eine dicke Akte auf dem Flügel liegt, sorgfältig durchgearbeitet. Gundermann gibt umständlich zu, ja, er sei „Grigori“ gewesen, habe wegen der vielen Leute mit Beißzwang bisher nicht geredet. Aber die Akte könne man ja gemeinsam durchgehen und die Dinge klären. Klären?, ruft grimmig der Puppenspieler, was denn klären?! – Na ja, erwidert Gundermann, er wisse nicht, was drinsteht: „Kann sein, ich hab Scheiße gequatscht, ja. Aber was, das weeß ich eben nicht mehr.“ So öffnet der Film seinen Spannungsbogen.

Tausendmal gelesen

Der Klassiker: Abwehr, Erinnerungslücken, später noch der Einwand, dass man keinem geschadet habe. Als ob das jemand abschätzen konnte. Tausende Enttarnungen von Stasi-Zuträgern liefen so ab, unzählige Male nachzulesen. Auch bei Gundermann dürfte es ähnlich zugegangen sein. Dennoch wirkt die Konzentration auf den Stasi-Konflikt unangemessen, weil er den Blick auf diesen fesselnden, widersprüchlichen Künstler völlig überlagert.

Nun der Reihe nach. 20 Jahre nach seinem Tod weiß ja nicht mehr jeder, wer das eigentlich war, Gundermann (1955–1998). Warum erinnern wir uns mit so viel Liebe und Leidenschaft an ihn? Weil seine Lieder von einem Land handeln, das so schnell unterging, dass das tiefe Verlustspuren hinterließ. Zumal in einer Gegend, der bald die Arbeit ausging. Seine Lieder lassen einem bis heute die Tränen in die Augen schießen, wenn sie unvermittelt wieder auftauchen, wie in dem Film.

Balladen von erschütternder Innigkeit und Poesie, die von der Endlichkeit des Lebens erzählen, von Gras, das immer wieder wächst, von harten Händen und von Schutzengeln, die nichts mehr zu tun haben, seit ihnen die Bergleute ausgehen. Selbst einer leeren Kohlegrube schrieb Gundermann ein Liebeslied: „Brigitta“. Manche Textzeilen waren so populär, dass man sie bei Beerdigungen spielte („Einmal“) oder auf Geburtsanzeigen druckte: „Du bist in mein Herz gefall’n wie in ein verlassenes Haus“. Letztes stammt aus „Linda“, geschrieben für seine geliebte, erst 1992 geborene Tochter.

Das ist großes Kino

Aus Gundermanns kurzem Leben erzählt der Film in griffigen Facetten. Von dem Offiziersanwärter, der in den 70er-Jahren bei der Armee rausfliegt, weil er sich weigert, ein Loblied auf den General zu singen. Er heuert nun im Kohletagebau an und entwickelt eine aberwitzige Liebe zu dieser dreckigen Arbeit in drei Schichten. Parallel stellt er jahrelang seiner Jugendliebe Conny nach (in jeder Szene überzeugend: Anna Unterberger), bis sie irgendwann nachgibt und der gutmütige Vater ihrer Kinder seinen Platz für Gundermann räumt. Schließlich bekommt man auch einen Eindruck von Gundermanns Arbeitsexzessen – Lieder schreiben, Proben, Aufnahmen, Tourneen, alles mit maximalem Anspruch, dazu täglich Kohle aus der Erde schaufeln. Die Versorgung der Familie wälzt er gnadenlos auf seine Frau ab. Na gut, mit schlechtem Gewissen: „Ich würde gern mein Glück finden, ohne an deinem rumzufressen.“ Ging aber nicht.

Das ist großes Kino, wie Dresen den Zuschauer mitnimmt in Gundermanns Welt, in die Enge seiner winzigen Küche und die endlosen Weiten der Kohlelandschaft. In die Baggerkanzel, in der seine alte Lehrmeisterin Helga (herrlich: Eva Weißenborn) so abschätzig schweigen kann, wenn Gundermann wieder nach der Seele des Baggers fahndet. Oder zu den Arbeitern im Regen, die steif zugucken, was ihr Künstler-Kumpel da Sonderbares auf der Bühne treibt. Beklommen glaubt man mit am Tisch zu sitzen, wenn die Partei das Mitgliedsbuch zurückverlangt: „Das geb ich nicht her! Genauso wenig wie meine Gesinnung!“

Mehr Widerspruch in einer Person geht nicht

Der Film zieht natürlich Kraft aus den Liedern, alle neu eingespielt. Der Mann an der Gitarre singt wie Gundermann, bewegt sich wie Gundermann, sieht aus wie er und beherrscht das Schleifen der Konsonanten und den Lausitz-Dialekt. Nicht nur die große Kassenbrille, sogar die Zahnlücke hat er übernommen. Alexander Scheer, dieser organische Glücksfall, spielt das, als würde er selbst denken wie Gundermann, wenn er in ungemütlichen Situationen schniefend die Nase kraust oder die Brille hochschiebt. „Von innen spielen“, nennt das der Regisseur treffend.

Ist schon klar, was Andreas Dresen und die Drehbuchautorin Laila Stieler reizte, Gundermann auf die Stasi-Schiene zu setzen – mehr Widerspruch in einer Person geht nicht. Er war Spitzel und Bespitzelter, Täter und Opfer, Held und Antiheld, dabei bis zum Schluss ein Überzeugter, wie der Kommunismus nur wenige hervorgebracht hat: „Wenn es diese Gesellschaftsordnung nicht schon gäbe, würde ich sie erfinden.“ Dass die DDR nicht mal Halt machte vor ihren glühenden Anhängern, sondern sie perfide zum Ausspionieren anstiftete, kann man ihr gar nicht übel genug nehmen. Der Konflikt gibt eindrückliche Bilder her. „Schämst du dich für mich?“, fragt Gundermann unvermittelt am Küchentisch. Conny nimmt seine Hand. Gundermann heult los. Das Kind guckt ungläubig – in den Momenten kann es einen reißen, wie bei den Songs.

Kunst und Brot

Gundermann hat aus Überzeugung gespitzelt, wollte den Sozialismus schützen, früher mal Agenten jagen. Später konnte er sich die fiesen Petzereien nicht verzeihen. Aber der Verrat, auch an sich selbst, hätte sich nie zum Lebensthema auswachsen können – in der neuen Ordnung trieben ihn längst existenzielle Fragen um. Er war Antialkoholiker und Vegetarier, der Westen ließ ihn auch zu einem radikalen Ökologen werden, besessen von alternativen Energiekonzepten. „Meine Reisefreiheit würde ich sofort tauschen gegen eine Perspektive für meine Kinder.“

Dann fehlte ihm selbst eine Zukunft. Er hat immer beides gebraucht, Brotarbeit und Kunst. Wegen der finanziellen Unabhängigkeit und weil er seiner Kunst misstraute: „Alle Lieder, die ich schreiben wollte, singt schon der Boss.“ Als seine Grube schloss, verlor er beides. Bei der Umschulung zum Tischler erwies er sich als eifrig, aber wenig geschickt. Er schrieb kein einziges Lied mehr. Im Sommer 1998, mit 43 Jahren, blieb unvermittelt sein Herz stehen.

Lebensthemen gab es genug zu Gundermann. Die Filmemacher entschieden sich ausgerechnet für die Stasi-Verstrickung. Es bleibt trotzdem ein liebevoller, packender Film.

Am 23. August ist der offizielle Kinostart. Mit Gundermann-Liedern gehen Andreas Dresen, Alexander Scheer und Axel Prahl jetzt auf Tournee mit Gundermann-Liedern, alles ist ausverkauft.