Guns N‘ Roses im Olympiastadion: Satans schrecklicher Sound

Gestochen scharf das Video, mit dem am Sonntagabend die kalifornische Rockgruppe Guns N’ Roses das Auftaktkonzert ihrer Europa-Tournee im Olympiastadion einleitete; ein Panzer mit Band-Emblem fuhr darin über Totenschädel, fliegende Munition, aber auch Ratten und andere Figuren spielten eine Rolle. Immer wieder beeindruckend, wie hyperreal die Großleinwände, welche die Großbühnen unserer Zeit flankieren, unsere Ikonen als Riesen zeigen können.

So auch Axl Rose im nicht ganz ausverkauften Olympiastadion; der Guns N‘ Roses-Sänger sieht heutzutage eigentlich auch nicht sympathischer als Ende der achtziger Jahre aus. Damals schickte sich die Gruppe mit ihren unvernünftigen Frisuren, noch unvernünftigeren Drogen- und Alkohlexzessen sowie frauenfeindlichen und sonstwie politisch unkorrekten Texten an, zur größten und angeblich gefährlichsten der Welt zu werden – und waren dabei in Wahrheit nie etwas anderes als ein Cartoon einer gefährlichen Rockband, da Rock schon zwei Jahrzehnte früher aufgehört hatte, in irgendeiner Weise gefährlich zu sein - aber eben nun, in den späten Achtzigern, in Cartoon-Form, noch mal ganz unterhaltsam war.

Heute, da sich Rose nach langer Entzweiung seit einigen Jahren wieder mit seinem Gitarristen Slash und seinem Bassisten Duff McKagan und weiteren Musikern auf die Bühnen der Welt stellt, geht ihm in aller scharf gestochener Überlebensgröße aber leider das Cartoonhafte völlig ab und er erscheint wie ein als Beatnik verkleideter AfD-Wähler aus dem Brandenburgischen!

Tontechnik wie John Cage

Schade, dass die ebenfalls hochmoderne kabellose Audiotechnik nicht ansatzweise so gut funktionierte wie das Video, insbesondere Roses Stimme war während der fast drei Stunden, die die Band spielte, nur in Fragmenten zu hören, so, als drehe ein Kleinkind den Regler immer rein und raus.

Der entstehende Effekt erinnerte an Stücke von John Cage in den 50er-Jahren Jahren, in denen gerne wahllos Radios an und aus gedreht wurden. An sich finde ich so etwas ja weitaus interessanter als Retro-Cartoon-Stadionrock, aber die vielen Tausend Fans im Olympiastadion wollten verständlicherweise Roses Stimme hören können in all ihrer feueralarmhaften Kreischbeseeltheit!

Den Umständen entsprechend reagierten die Fans erstaunlich verständnisvoll und feierten mit, besonders bei Liedern von den Alben „Appetite for Destruction“ und „Lose your Illusion 1 & 2“, wie etwa „Welcome To The Jungle“ („wl c th ungl“, hörte man Rose kreischen), „November Rain“, zu dem Rose am vorderen Stegrand auf einer Art verkrüppeltem Motorad saß und Flügel spielte, oder der Coverversion von Bob Dylans „Knocking On Heaven’s Door“.

Digitale Verstärker-Simulationstontechnik verursacht Leere

Apropos Coverversion: Besonders gut gefiel mir die Version des Misfits-Klassikers „Attitude“, von McKagan gesungen, denn endlich konnte man mal Gesang hören! Toll auch McKagans Wifebeater-Oberteil: „Not Tonight, Satan“ stand da drauf, zu deutsch: „Nicht heute Abend, Satan“, ein Spruch, der in vielerlei Hinsicht den Abend zusammenfasste. Einerseits hatten die bösen Rockjungs Tod und Teufel ja mal wieder einen weiteren Tag abgetrotzt und standen auf der Bühne, andererseits fehlte der Teufel auch in der Performance – diese war vor allem leer, noch unterstrichen von der durch die digitale Verstärker-Simulationstontechnik verursachten Leere auf der Bühne (keine Fußpedale und nur ein paar Marshall-Boxen als Attrappe).

Auch Slash vermochte die Leere nicht zu füllen – und das, obwohl er unfassbar viele und sehr lange Gitarrensoli spielte, nicht zuletzt in seiner Version von Nino Rotas „Godfather“-Filmthema, mit welchem er „Sweet Child O’ Mine“ einführte, oder in der schrecklichen Instrumentalversion von Pink Floyds „Wish You Were Here“, während derer Roses Motorradklaviersitz angerollt wurde.

Rhytmusgitarrist Richard Fortus durfte auch ein, zwei Soli gniedeln und tat dies technisch sogar noch versierter als Slash, aber letzterer hat eben doch mehr Feeling, eine Tatsache, die auf den Leinwänden während seines langen Solos zur Ballade „This I Love“ unterstrichen wurde, als über Slashs Zauberhut-mit-Gibson-Gitarre-Bild ein güldener Lichtkugelregen herabtropfte, dessen Farbatmosphäre an Werthers-Echte-Werbungen aus den 80er-Jahren erinnerte. Obwohl, die hatten mehr Weichzeichner. Dieses Videobild war gestochen scharf!