Wenn man in Düsseldorf an der U-Bahn-Station Tonhalle aussteigt, um zum nahen Museum Kunstpalast zu gehen, findet man dort etwas, das man zunächst als eine Art Kontrapunkt betrachten kann zu den Werken Andreas Gurskys, dem derzeit eine beachtliche Ausstellung im Kunstpalast gewidmet ist: Hunderte von streichholzschachtelgroßen Aufnahmen, Suchbildchen, Weltmomenten im Mini-Format. In der Ausstellung begreift man dann, dass zwar Gurskys Fotoarbeiten in der Mehrzahl von stattlicher, ja überwältigender Größe sind – aber Suchbilder sind auch sie. Zudem sind sie immer auf mindestens zwei Ebenen zu betrachten, je nachdem, für welchen Abstand man sich entscheidet. Im wörtlichen Sinn.

Andreas Gursky, geboren 1955 in Leipzig, aber schon den allergrößten Teil seines Lebens in Düsseldorf beheimatet, hat als Co-Kurator (mit Beat Wismer) 60 seiner Fotoarbeiten für diese Ausstellung ausgesucht. Zentrum ist die jüngste, so malerisch anmutende Serie „Bangkok“. Aber frühe Werke zeigen im Kunstpalast, dass der Weg zu diesen nahezu abstrakten Wasserspiegelbildern kein Richtungswechsel ist.

„Darstellung von Wut und Verschwendung“

„Gasherd, 1980“ zum Beispiel. Ein weißer Herd steht vor einer weißen Wand, schwarz sind die Kochfelder, und während eines nur Ablage ist, bildet bei den anderen drei das brennende Gas einen türkisfarbenen Kranz wie aus Blütenblättern. Eine „Darstellung von Wut und Verschwendung“ erkennt im Ausstellungskatalog John Yau darin. Die Rezensentin ist eher bezaubert von der geometrischen Strenge und Schlichtheit des Bildes, in dem die Flämmchen gleichsam zartfarbige Kränze aufsetzen.

Gursky hat längst begonnen, seine Fotografien zu bearbeiten, er nutzt die digitalen Möglichkeiten ausführlich und aufs Penibelste, aber er schafft damit doch immer ein furioses Abbild von Welt. „Ohne Titel I, 1993“ etwa erinnert an die grauen Bilder Gerhard Richters, aber sobald man der Arbeit nahe tritt, sieht man: Hier ist ein Teppichboden fotografiert. An einer Stelle wurde offenbar ein Stück ersetzt, man erkennt die Schnittränder, an anderer Stelle könnte ein Kaugummi geklebt haben. Oder „Nha Trang, 2004“: Gursky verbirgt nicht, dass er das Bild von den Korb- und Stuhlflechtern in einer Halle streifenweise und perspektivisch zusammengesetzt, dass er es durch Wiederholung „gebaut“ hat; aber im Detail bleibt, dass hier Menschen auf engstem Raum eine vermutlich schlecht bezahlte Arbeit verrichten. Mit kurzem Abstand, sobald man den einzelnen Flechter wahrnimmt, fühlt man sich fast als Voyeur.

Das eben ist das Faszinierende an den Bildern Gurskys: Sie sind etwas anderes, ob man ihnen aus zehn Metern oder aus fünfzig Zentimetern gegenübersteht. Sie sind von fern oft nichts als Struktur, Rhythmus, Farbe, sie sind von nah intrikates Detail und bestechende Schärfe. „Was ist das?“, fragt ein Besucher in der Ausstellung einen anderen, der sich erst nähert, und fügt mit leichtem Triumph hinzu: „Ich weiß die Antwort.“

Aber manchmal weiß man die Antwort erst, wenn man auf den Titel schaut. Und das bei den neueren Arbeiten zunehmend. In der „Ocean“-Serie (2010) verarbeitet Gursky Satellitenbilder, in schwarzblauer Weite treiben Bröckchen, die als Erdmassen erst identifiziert werden wollen. In „Bangkok“ schließlich ist der Fluss Chao Phraya in digitaler Bearbeitung abstraktes Gemälde, Rorschach-Test, Marmorierung. Man kann auf Maler wie Barnett Newman, Mark Rothko, Cy Twombly verweisen. Aber Gursky bricht die Zweidimensionalität auf: ein Plastikkanister schwimmt im Wasser, eine Zeitschrift (namens Naitai), Pflanzenteile, darunter höchst plastische Stängel, etwas, das nach einem Präservativ aussieht. So kommt der Mensch neuerdings ins Spiel bei Gursky: indirekt, als Umweltverschmutzer.

Außerdem sind wir in diesen Bildern: Mörtelbiene („Paris, Montparnasse, 1993“), bloßes Häkchen im Teppich („Pyongyang I, 2007“), Note auf den schwarzen Zeilen der Spargelfolie („Beelitz, 2007“). Man möchte nicht Beteiligter sein dort, wo die Bilder Gurskys entstehen. Man möchte kein Punkt sein beim Madonna-Konzert, kein Farbklecks in der Tokioter Börse oder im Chicago Board of Trade, schon gar nicht auf der nordkoreanischen Jubelfeier, aber man weiß: Natürlich ist man oft Teil ameisenhafter Menschen-Agglomerationen. Es tröstet wenig, dass der genaue Blick auf Gurskys Arbeiten fast immer Individuelles enthüllt, etwa die charakteristische Lampe im Fenster, den stattlichen Gummibaum (nochmal: „Paris, Montparnasse, 1993“).

Für einen Abzug von Andreas Gurskys berühmter Billigladen-Fotoarbeit „99 Cents, 1999“ wurden 2007 unglaubliche 3,3 Millionen Dollar bezahlt. Es soll das teuerste Foto der Welt sein. In der Ausstellung begreift man, warum das so sein könnte: Die Bilder dieses Künstlers haben einen Hauch von Unendlichkeit, auch wenn sie nur wenige Quadratzentimeter Welt zeigen. Sie fordern einen geradezu heraus, Zeit zu haben für sie. Und jedes Mal meint man dann, etwas Neues, etwas bisher Übersehenes in ihnen entdeckt zu haben. Wenn man denn so nah rangeht, wie es die Museumswärter gerade noch erlauben.

Museum Kunstpalast, Düsseldorf: bis 13. Januar. Katalog „Bangkok“, Steidl-Verlag, 24,80 Euro. www.smkp.de.