Guter Boden, schnelle Pferde und ein Stück Literatur

Der Schriftsteller John Jeremiah Sullivan hat eine Kulturgeschichte der Pferdezucht in Kentucky geschrieben. Sie handelt von Leidenschaft und Wissensdurst.

Der Hengst Flightline im Augenblick des Sieges
Der Hengst Flightline im Augenblick des SiegesAP

Anfang November wurde ich Zeuge eines zeithistorischen Augenblicks – per Videostream. Ahnungsvoll hatte der Moderator von einem „iconic moment“ gesprochen. Wenn ich verrate, dass ich die Übertragung eines Galopprennens aus Keeneland/Kentucky verfolgt habe, ist Skepsis erlaubt. Sportreporter verwenden nun einmal einen Jargon, in dem der nächste Rekord, das schnellste Tor, der höchste Sieg unmittelbar bevorstehen. Sie beginnen mit einem Superlativ und versuchen ihn anschließend kontinuierlich zu steigern.

Der Ereignis aber nahm – buchstäblich – seinen Lauf. Der vierjährige braune Hengst Flightline gewann das sogenannte Breeder’s Cup Classic, ein mit sechs Millionen Dollar dotiertes Rennen. Das Pferd und sein Jockey Flavien Prat siegten mit 8 ¼ Längen vor dem Zweitplatzierten, es war der größte Vorsprung in der Geschichte des Rennens.

Als es wenig später darum ging, das Geschehen in Worte zu fassen, zitierte der befragte Trainer einen verstorbenen Kollegen, der über einen seiner Schützlinge gesagt hatte, er wäre „eines der besten Pferde, die jemals durch ein Zaumzeug geschaut haben“.

Die geologischen Verhältnisse von Lexington

Okay, die Worte werden kaum beanspruchen können, in die Sportgeschichte einzugehen wie Flightline. Immerhin war die Bemerkung von der Anstrengung geprägt, im Bild jener Umgebung zu bleiben, in der man auf Pferde setzt.

Von beachtlicher literarischer Bedeutung ist indes ein gerade auf Deutsch erschienenes Buch, dessen Autor zu ergründen versucht, was es mit der Begeisterung für edle und schnelle Pferde auf sich hat. Der Schriftsteller und Journalist John Jeremiah Sullivan nähert sich dem Mythos „Vollblutpferde“ von allen erdenklichen Seiten.

Sullivan ist erblich vorbelastet. Sein Vater war ein Sportjournalist, und als er ihn kurz vor dessen Tod fragte, was ihn in seinem Leben am meisten beeindruckt habe, sagte der nur: „Secretariat“. So hieß der Hengst, der das amerikanische Derby von 1973 ähnlich überlegen gewann wie unlängst Flightline. John Jeremiah Sullivan holt weit aus und entfaltet nicht nur die Facetten des Galopprennsports samt seinen Geheimnissen hinsichtlich Zucht und Training. Es ist viel von Abstammung und Blutlinien die Rede. Detailversessen und faktenverliebt ergründet er eine Kulturgeschichte des Pferdesports in Lexington/Kentucky, die nicht zuletzt auf den geologischen Voraussetzungen der Landschaft beruht.

„Die sind doch alle wunderschön“

Zu den Höhepunkten der seltsamen Exkursion in die Welt der Pferde dieses 2004 im Original erschienen Buches gehört eine Begegnung mit dem Trainer John T. Ward. Um die Bedeutung Wards begreiflich zu machen, hilft vielleicht ein Fußballvergleich mit Sepp Herberger, Hennes Weisweiler oder Helmut Schön: Trainerlegenden, aus ähnlichem Holz geschnitzt.

Irgendwann im Verlauf seiner Recherchen will Sullivan es genau wissen. Während einer Jährlingsauktion in Lexington kann er sich die Fragen nicht verkneifen, nach welchen Kriterien ein Champion-Trainer wie Ward vorgehe und ob es denn nicht vorkomme, dass er ein Pferd sehe, von dem er im nächsten Augenblick wisse: Das muss ich haben. Ward zuckte mit den Schultern. Dann zeigte er auf die stetig vorrückende Kolonne der Jährlinge auf dem Weg zum Verkauf. „Schauen Sie doch“, sagte er. „Die sind doch alle wunderschön.“

John Jeremiah Sullivan: Vollblutpferde. Aus dem Amerikanischen von Hannes Mayer.  Suhrkamp Verlag; 272 Seiten, 24 Euro.