Gutshof Kraatz: Ex-Berliner führen Apfelweinkelterei mit Ferienhäusern

Der Gutshof Kraatz wirbt mit den Worten: „100 Einwohner, eine Apfelweinkelterei, eine Gastwirtschaft und zwei Ferienhäuser – willkommen in der Uckermark.“ In der idyllischen, aber recht menschenleeren Gegend eine anspruchsvolle Gastronomie aufzuziehen, dazu gehört Pioniergeist. Edda Müller (54) und Florian Profitlich (50) wagten es, und nach einigen Jahren in der Ödnis können sie jetzt sagen: Es hat sich gelohnt.

Vor sechs Jahren erwarben Edda Müller und Florian Profitlich den Gutshof und renovierten ihn

Beide haben Kommunikationsdesign an der Folkwang Hochschule studiert. Anschließend arbeitete sie als Cutterin beim Fernsehen und er als Architekturfotograf. Eine Weile wohnten sie in Berlin. 2001 kauften sie ein kleines Ferienhaus in Kraatz, um es zu renovieren und die Wochenenden dort zu verbringen. „Ich sah die vielen alten Obstbäume, deren Obst niemand erntete, und dachte mir, daraus müsse man doch etwas machen“, schildert Profitlich seine Anfangsüberlegungen. Die dann zur Obstweinkelterei führten. Mittlerweile stehen fast zwei Dutzend Weine und Schaumweine in seinen Regalen. Allein im letzten Jahr produzierte die Kelterei 25.000 Flaschen Wein und Schaumwein und 11.000 Flaschen Säfte. Die Palette reicht vom Bohnapfel Holzfass über „Wilde Kerle“, Goldrenetten, Apfelwein mit Mispeln, Kaiser Wilhelm mit Quitte bis zu Apfelsekt mit Aronia und Birnenwein. Die Abholpreise pro Flasche liegen zwischen 6,50 Euro und 11,50 Euro. Produktion der Weine, Abfüllung und Etikettierung mit Designer-Etiketten wird alles am Ort erledigt. „In Brandenburg herrscht immer noch ein Mangel an hochwertigen Produkten, die typisch für die Region sind“, sagt Profitlich resigniert. In Brandenburg ist ansonsten allenfalls der Obstwein aus Werder bekannt.

Ein Vorteil der Obstweine sei es, dass sie nur zwischen 5,5 Prozent und 9,5 Prozent Alkohol haben, und somit auch in Maßen von Autofahrern genossen werden können. Denn nach Kraatz kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer.

Neben dem Ferienhaus lag die riesige Scheune des Gutshofes und Nebengebäude, die das Paar vor sechs Jahren erwarb und aufwändig sanierte. Ein Maurer, der auf natürliche Baumethoden mit Lehmputz spezialisiert ist, half bei der Renovierung der Gebäude, wobei natürliche Baumaterialien wie Hanf und Kreidefarben zum Einsatz kamen. Geheizt wird mit Holz und thermischen Solaranlagen, Strom ist Ökostrom. Die Wohnungen werden auf zwei Portalen im Internet angeboten, die auf Kunden mit hohen Ansprüchen in punkto Design zielen. „Wir haben viele Architekten als Gäste, die Wert legen auf hochwertige Materialien und Möbelstücke und sich an ihnen erfreuen“, sagt Profitlich.

Der Gutshof Kraatz bietet jeden Sonnabend ein „Uckermark Menü“

2016 erhielt das Paar für die exklusiven Ferienwohnungen den Uckermärkischen Tourismuspreis. Auf dem Gelände ist es außerdem möglich, das Wohnmobil kostenlos abzustellen – dafür ist man im Stellplatzführer „Landvergnügen“ gelistet. Dieser Stellplatzführer listet Stellplätze in Deutschland bei Obstbauern, Winzern, Imkern, Käsern oder Kaffeeröstern. „Damit haben wir meist auch Gäste für unser Restaurant gewonnen“, freut sich Edda Müller. In der Weinschänke, 2014 eröffnet, gibt es am Wochenende Frühstück a la carte. Am Freitag ist Pizzatag und am Donnerstag Piroggentag. Für 12 Euro gibt es eine Auswahl an hausgemachten Piroggen mit Salat.

Weil sich die Anstellung eines festangestellten Kochs in dem winzigen Dorf anfangs nicht lohnte, hat sich das Paar etwas neues ausgedacht. Für das „Uckermark Menü“ am Sonnabend kommt jede Woche ein anderer Gastkoch der Region ins Haus. So kochte Jens Köhler im Mai ein Spargel-Menü für 39 Euro, das mit einem Schaumwein vom Pfannkuchenapfel beginnt, es folgen Knusperstangen vom grünen Spargel, Hauptgericht ist Schnitzel Wiener Art mit weißem Spargel, Soße Hollandaise und Kartoffeln. Den Abschluss bildet Spargel-Creme-Brulée mit Pistazien und Erdbeersalat.

Gerade die Wintersaison ist in der einsamen Uckermark schwierig

Die Schänke wird mittlerweile auch von Einheimischen angenommen. „Wir kommen gerade über die Runden“, beschreibt Profitlich die Finanzsituation. Die Investitionen in den Umbau der riesigen Scheune, die als Produktionsstandort und Restaurant dient, waren erheblich. Gerade die Wintersaison in dieser einsamen Gegend sei schwierig.

Dann bleibt im Winter Zeit, um Brotzeitbretter herzustellen und alte Obstbäume zu pflegen. Denn nur wenn in einer Region die alten Sorten auch wirtschaftlich genutzt werden, ist der Anreiz da, sie zu erhalten.