Anja Rützels Kolumne: Knietief im Goldtopf

Melanie Müller zelebriert ihre Beschränktheit, Gwyneth Paltrow ihren 50sten, und Robbie Wiliams geriert sich als Knigge-Posterboy: die Woche auf dem Boulevard mit Anja Rützel.

Hat sich ihre Falten verdient: Gwyneth Paltrow.
Hat sich ihre Falten verdient: Gwyneth Paltrow.DPA

Frau Rützel, wer hat Sie diese Woche wütend gemacht?

Melanie Müller. Ich war noch nie ein Fan ihrer stets unangenehm schroffen und selbstherrlichen Darbietungen in diversen Trash-TV-Formaten, und wenn sie sich in der Vergangenheit irgendwo zu irgendwas öffentlich äußerte, war das immer mindestens unangenehm, gelegentlich auch schlimmer – etwa, als sie 2017 auf Facebook gegen Flüchtlinge hetzte. Nun ist vergangene Woche ein Video von ihr aufgetaucht, dass sie bei einem Auftritt umringt von Fans zeigt, die „Sieg Heil“ rufen, dazu ein zweites, in dem sie selbst womöglich den Hitlergruß zeigt. Die Polizei hat Ermittlungen eingeleitet, Müller selbst, die die Vorwürfe bestreitet, postete derweil ein Leidensfoto in Mickymaus-Bettwäsche. Und ich hoffe sehr, sie nie wieder auch nur in der Nähe einer Fernsehkamera zu sehen.

Gwyneth Paltrow wurde vor wenigen Tagen 50 Jahre alt und feierte diesen Umstand mit einem Foto, auf dem ihr nackter Körper komplett mit goldener Farbe überzogen ist. Wie finden Sie das Bild?

Angeschmiert, mit Goldschlick lackiert – ach, warum nicht. Ich speichere mir ihr Foto mal auf Wiedervorlage, ich werden nächstes Jahr ja auch 50. Interessanter als Paltrows Foto fand ich allerdings das Geburtstagsinterview, das sie der Vogue gab, und in dem sie einige gute und mehrere seltsame Dinge sagt. Zum Beispiel, dass sie mit 30 Jahren Angst hatte, ihre Eltern zu enttäuschen, weil sie weder einen Börsenmakler noch einen Anwalt geheiratet habe. Sehr angenehm fand ich aber, dass sie inzwischen mit sich im Reinen zu sein scheint. „Ich habe keine Beziehung zu einem 26-jährigen Model. Ich will ihr Leben nicht. Ich will ihr Gesicht nicht“, sagt Paltrow zum Beispiel. „Ich will ihre Erfahrung nicht. Ich habe mir mein Leben verdient. Ich habe mir meine Falten verdient.“ Für sie entstehe ein süßes Gefühl daraus, mit allen Höhen und Tiefen gelebt zu haben, weil sie weise und demütig sei, weil sie liebe und verliere „und all diese Dinge“. Da kann man schon mal in den Goldtopf greifen.

Apropos seltsame Dinge sagen: Robbie Williams schwadronierte in seinen Promo-Interviews zu seiner kommenden Welttournee auch allerhand Krudes zusammen.

Am besten gefiel mir, dass er sagte, ihm sei es egal, ob seine Kinder gebildet seien oder nicht, so lange sie gute Manieren hätten: „Menschen in die Augen sehen, bitte, danke sagen.“ Finde ich lustig, weil ich Robbie nun nicht unbedingt als Knigge-Posterboy auf dem Schirm hatte. Gespannt bin ich ja auch auf seinen Biografie-Film „Better Man“, den ich mir nächstes Jahr auf jeden Fall anschauen werde – im Gegensatz zu seinen Kindern, die ihn nicht zu sehen bekommen sollen: Der Film sei einfach zu ehrlich. Er wird sich darin auch selbst spielen, und es sei seltsam, bei den Dreharbeiten im Schminkzimmer zu sitzen, „und der Mann, der seinen Vater spielt ist da, die Frau die deine Oma spielt ist da, und die Frau, die deine Mutter spielt, ebenfalls“, sagte er. Und natürlich gibt es auch Reminiszenzen an seine alten Take-That-Kollegen: „Howard Donalds Dreadlock-Perücke ist auch da, und Jason Oranges Plastikkinn.“ Falls irgendein deutscher TV-Sender noch schnell eine günstige Version seiner Lebensgeschichte zusammenschustern will, empfehle ich als Besetzung für den jungen Robbie unbedingt Giovanni Zarellas Bruder Stefano. It’s a Match!

Was macht eigentlich Helene Fischer?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie sich über die Kritik ihrer Fans grämt, die nicht ganz so begeistert von ihrem Outfit waren, das sie kürzlich bei einer Pressekonferenz zu ihrer für 2023 geplanten Tournee gab. „Gut zu wissen, dass Helenes Schuhe & Sweatshirt zusammen mehr kosten, als ich im Monat verdiene“, habe ein Fan online gemöppert, berichtete das Fachorgan Schlagerplanet und rechnete auch gleich mal Fischers Prassgaderobe zusammen: Roter Pullover vom Luxuslabel Loewe für 650 Euro, Sneaker von Balmain für 1095 Euro. „Der Gesamtpreis für das Outfit lag bei ca. 1745 Euro“, addierte Schlagerplanet eifrig – nicht auszudenken, wie teuer es erst geworden wäre, wenn Helene Fischer auch noch eine Hose getragen hätte.

Die Fragen stellte Christian Seidl.

Anja Rützel ist freie Autorin und schreibt vor allem über Fernsehen und Tiere. Für die Berliner Zeitung am Wochenende beobachtet sie die wunderliche Welt der Promis.