Berlin - Im Alter von elf Jahren, hat der ungarische Schriftsteller und Intellektuelle György Konrád einmal gesagt, sei er erwachsen geworden. Das war im Mai 1944, als seine Eltern von den Nationalsozialisten deportiert wurden. Während die Eltern die Zwangsarbeitslager überlebten, verlor Konrad in dieser Zeit einen Großteil seiner jüdischen Familie. Die Erlebnisse dieser Konfrontation mit der Politik der Vernichtung schilderte Konrád später in seinen Romanen „Heimat“ und „Glück“.

Sein literarisches Debüt aber gab Konrád, der zunächst Soziologie studiert und die der Jugendfürsorge seiner Heimatstadt Budapest gearbeitet hatte, 1969 mit dem Roman „Die Besucher“. Darin leuchtete er mit kühl-distanzierter Beobachtungsgabe die vernachlässigten Viertel der Stadt aus, die er von unten kennengelernt hatte, die es nach offizieller Lesart im Realsozialismus ungarischer Machart aber gar nicht geben durfte.

György Konrád ist einer der großen Autoren der europäischen Erinnerungsliteratur

Seine nicht korrumpierbare politische Wachheit war zweifellos das Vermächtnis einen jungen Menschen, der früh erfahren musste, was es heißt, ein Überlebender zu sein. György Konrád ist einer der großen Autoren der europäischen Erinnerungsliteratur. Er hatte 1956 am Ungarnaufstand teilgenommen und spätestens mit seinen ersten literarischen Veröffentlichungen galt er als Kritiker des ungarischen Sozialismus, obwohl dieser in sehr viel sanfterer Form den Alltag prägte als dies in anderen Staaten des Warschauer Paktes der Fall war. Dennoch erschienen viele seiner Texte lediglich unter der Hand in der sogenannten Samisdat-Literatur.

Als Intellektueller und Essayist war György Konrád einer der ersten und einflussreichsten Denker, die in der Idee eines neuen Mitteleuropas die Konfrontation von Ost und West zu überwinden versuchten. Neben Václav Havel, Adam Michnik oder Pavel Kohout gehörte er zu den wichtigsten Stimmen, die den Eisernen Vorhang gedanklich aufgeweicht und den Fall der Mauer lange vor 1989 vorbereitet hatten. György Konrád verfolgte dabei ein Konzept der Anti-Politik, die die realpolitischen Bemühungen mit Skepsis begleitete und auf eine geistige Unabhängigkeit setzte, die Konrád auch für seine künstlerische Existenz beanspruchte.

Auf exemplarische Weise übte er diese Rolle von 1997 bis 2003 in Berlin als Präsident der wiedervereinigten Akademie der Künste aus. Es war ein wichtiges Signal der deutschen Künstler, einen Ungarn in diese Position berufen zu haben, und Konrad verkörperte dabei nicht zuletzt den Anspruch, Berlin zu einem Brückenkopf zwischen Ost und West zu machen in der Hoffnung, dass gerade die kulturellen Beziehungen und die künstlerische Einbildungskraft der Politik den Weg weisen können. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte, denn der Ungarn Konrad musste bald einsehen, dass gerade die Politik seines Heimatlandes von turbulenten Richtungsschwankungen durchgeschüttelt wurde.

György Konrád blieb ein scharfer Kritiker von Ministerpräsident Victor Orban

Als sich rechte und antisemitische Strömungen ganz offen in Ungarn artikulierten, verlor Konrad dennoch nicht seine Zuversicht. Es nutze immer, sagte er in einem Interview von 2006, wenn die Wahrheit auf den Tisch kommt. Es sei gut, dass die extreme Rechte zeige, wer sie wirklich ist. György Konrád blieb ein scharfer Kritiker des rechtspopulistischen Kurses von Ministerpräsident Victor Orban, war aber dennoch optimistisch, dass Ungarn ein Rechtsstaat bleiben werde, weil letztlich die Anziehungskraft, die von Europa ausgehe, größer sei als die sich überall ausbreitenden nationalistischen Verengungen. Am Freitag ist György Konrád im Alter von 86 Jahren in Budapest gestorben.