GZSZ-Schauspielerin: Basteln mit Iris Mareike Steen

Alle Jahre wieder endet auch der längste Herbst. Die Blätter sind gefallen. Kälte bricht herein. Ein Schauer der Vergänglichkeit liegt über allem. Selbst die Kastanien, die man neulich noch wie kleine Schmuckstücke gesammelt hat, schrumpeln unbeachtet vor sich hin, während im Laub die vollgefressenen verpuppten Miniermotten auf den Frühling warten. Höchste Zeit, etwas zu ändern.

Rückblick. 1992. Das war mein Aufbruch. Zurück nach Berlin. Um etwas mit Film zu machen, oder Theater, Hauptsache Kultur. Und dann landet man als Statist bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Damals war die Serie noch nagelneu. Ich saß in irgendeiner Filmkulisse und war so aufgeregt, dass ich mein Gesicht immer wieder wegdrehen musste, um nicht aus Versehen in die Kamera zu blicken. Iris Mareike Steen war gerade mal ein Jahr alt, als jene Daily-Soap begann, in der sie nun seit fünf Jahren alias Lilly Seefeld festes Ensemblemitglied ist. Ich werde sie gleich zum Basteln treffen und bin aus oben genannten Gründen fast mutti-mäßig sentimental.

So viel Back-to-the-Roots kurz vor dem Jahresende und mit all den Krisen. Ungeachtet meiner Untergangsstimmung steht das Studio von GZSZ wie ein Fels in der Brandung und wartet darauf, dass ich mit meinen schrumpeligen Kastanien aus Berlin nach Babelsberg reise, um mit Iris daraus ein Männchen oder Mädchen zu bauen. Beziehungsweise warte ich auf den Pressebetreuer, damit er mich zu Iris bringt. Drinnen herrscht eine angenehme Arbeitsstimmung, ähnlich einem Studentenwohnheim, genauso jung. In der Kantine bekomme ich gleich Automatenkaffee und steige mit Iris hinauf in ihre Garderobe. Ein schmaler Tisch, zwei tiefe Sessel, sonst jede Menge Klamotten.

Iris ist Vollprofi. Mit acht Jahren schon die erste Fernsehrolle, auf der Bühne gab sie den Drachen in „Tabaluga“. Diesen Sommer posierte sie nun auf ganzen 14 Seiten für den Playboy. Heute sammelt ihr Facebook-Profil bald 330000 Fans. Über ihre Rolle wird inbrünstig diskutiert. Mal nerve sie total, mal sei sie voll couragiert. Kommentare, die mich nicht gerade locker bleiben lassen, während ich für Iris die Aufgabe aus der Aldi-Tüte ziehe. Ist die Idee sexy genug? Immerhin habe ich als Kind das Herbstbasteln mit diesen ständig wegflutschenden Dingern gehasst.

Über die Kastanien gebeugt erzählt Iris davon, dass sie kurz vor ihrer Kinderkarriere auf einer Geburtstagsparty fast ausgeladen worden wäre. Der Grund: Sie könne nicht basteln! Langsam spüre ich einen fast missionarischen Aufwind. Es ist rührend zuzusehen, wie sie die einzelnen Kastanienfrüchte in den Fingern dreht, um darin eine Zuordnung zu finden. Ist das der Kopf oder eher eine Brust? Wie breit wird das Becken sein? Außerdem: Wie bohrt man da Löcher für die Zahnstocher rein? Den Hammer will sie partout nicht nehmen, sie bevorzugt doch die Rouladennadel. Zum Glück habe ich die vorher noch schnell aus der Küchenschublade geschnappt.

Wirklich, Iris macht das toll. Selbst als zum wiederholten Male der Zahnstocher abbricht und der Kopf unter den Tisch kullert, lässt sie sich nicht von ihrem Werk abbringen. Nimmt den Kleber dankbar an. Genauso die Untergrundpappe, um das leichtfüßige Mädchen besser zu stabilisieren. Tupft hingebungsvoll eine Ecksonne und eine dreidimensionale Sommerwiese samt blutrotem Blümchen hin. Lässt sich indes nicht aus der Ruhe bringen, als der Pressemann das fertige „Mädchen am Stiel“ mit den Worten bedenkt, er habe in Bonn die Kastanien lieber bei Haribo gegen Gummibärchen eingetauscht.

Das kann ja jeder, möchte man da entgegnen. Aber schon stolzieren wir als Dreiergespann durch die Flure. Iris präsentiert den Kollegen ihren verdienten Triumph, Foto mit Valentina Pahde (bald 100000 Fans), ein fröhliches Winken in die Maske, hinein in die Kulissen von damals. Hallo, Winter. Siehst ja aus wie früher, denke ich über die Kamera hinweg. Während ich zusehen muss, nicht hinter die gute Welt in die Unordnung zu knipsen. Weil, wie der RTL-Sprecher für GZSZ betont, man die Szenerie nicht entzaubern solle. Sic. Mit diesem Schluss tanzt das Mädchen mit dem rosa Haar in den sicher kommenden Frühling.