Habeck bei Lanz: „Auch deutsche Stromzähler werden bald rückwärts laufen“

Der grüne Bundeswirtschaftsminister diskutierte im ZDF mit Experten die Probleme und Eigenheiten der deutschen Energiewende.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne)
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne)teutopress/imago

Absurd – das war die meist gebrauchte Vokabel des ZDF-Talks bei Markus Lanz: Deutschland als energiepolitisches Absurdistan. Bevor allerdings der zugeschaltete Robert Habeck darüber mit zwei Experten ins Gespräch kam, benutzte Talkmaster Markus Lanz seine Sendung, um den Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler zu allen möglichen drängenden Fragen dieser Tage zu befragen, wollte von ihm wissen, wie er zur geforderten Lieferung von Kampfjets an die Ukraine steht („in der augenblicklichen Situation nicht angebracht, da hier eine Wartung des Westens nötig sei“), wie er die umstrittene Kriegs-Äußerung von Außenministerin Baerbock interpretiert (eine „gewollte Missinterpretation“), wie er die Ribbentrop-Vergleiche in den russischen Propaganda-Shows findet und wie er die Pläne von Innenministerin Nancy Faeser bewertet, als SPD-Spitzenkandidatin in Hessen anzutreten.

Doch warum sollte ein grüner Wirtschaftsminister dazu öffentlich Stellung beziehen? Mit der Andeutung, „Ich will ja keine Moderationshinweise geben“, stoppte Habeck den thematisch wilden Ausritt von Markus Lanz – dankenswerterweise. Denn es ist schon unhöflich oder dreist, 20 Minuten lang durch immer neue Gebiete zu galoppieren und die eingeladenen Experten mehr als eine halbe Stunde lang als stumme Statisten einfach sitzen zu lassen. Wer sich für das annoncierte Thema Energiepolitik interessierte, hatte da vermutlich längst ab- oder umgeschaltet.

Dabei gab es hier jede Menge Themen zu besprechen. Die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker beklagte, dass innovative Start-ups ins Ausland vertrieben würden und dass im europäischen Ausland private Betreiber von Solar- oder Windanlagen ihren Strom viel einfacher und unbürokratischer nutzen könnten – da liefen die Stromzähler bei Einspeisung einfach rückwärts.

Robert Habeck entspannt: positive Bilanz für 2022

Sie warb für Lösungen in größeren Quartieren. Der Windkraftunternehmer Johannes Lackmann, der vorrechnete, das in jedem Jahr 12 Milliarden Kilowattstunden nicht ins Netz eingespeist werden konnten, forderte, dass Regionen mit hohen Investitionen in die erneuerbaren Energien nicht bestraft, sondern mit günstigeren Strompreisen belohnt werden sollten. Und auf die „Südländer“ Bayern und Baden-Württemberg gemünzt: Wer Windkraft verhindere, solle draufzahlen. Lähmend sei vor allem die ausufernde Bürokratie: Für jede Anlage brauche er mittlerweile 140 Aktenordner.

Robert Habeck konnte oder wollte in all den Forderungen keinen Widerspruch zu seiner Politik sehen – die Probleme seien erkannt, die passenden Gesetze in Arbeit, Beschlussfassung und Umsetzung dauerten nur. Dazu gab er einen durchaus anschaulichen Einführungskurs in seine „fransformative Angebotspolitik“. Für das zurückliegende Krisenjahr zog der recht entspannt wirkende Bundeswirtschaftsminister eine positive Bilanz: Statt des prognostizierten Minus von 12 Prozent habe es sogar ein leichtes Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent gegeben – bezahlt allerdings mit hohen Energiepreisen.

Habeck versprach schnellere Genehmigungen bei der Energiewende und verwendete sogar selbst immer wieder das Wort absurd, etwa, als er die Unmenge Papierakten erwähnte oder den Dauerstreit zwischen Artenschützern und Windmüllern. Schuld an der „unfassbaren Verlangsamung“ sei die von seinen Vorgängern hinterlassene juristische Struktur, die zu Klagen einlade. Windmüller sollten nicht in Anwälte, sondern direkt in den Artenschutz investieren dürfen. Und sogar für die Betreiber kleiner Solaranlagen auf dem Balkon versprach Habeck, dass sich ihre Stromzähler bald rückwärts drehen dürften. Und es wäre eine dankbare Aufgabe für Markus Lanz, in einem Jahr mal nach der Umsetzung all der Versprechen zu fragen.


Empfehlungen aus dem Ticketshop: