BerlinGesicht zeigen ohne Ansteckungsgefahr. Dazu lädt das japanische Sumida-Aquarium in Tokio ein, wie der Guardian berichtet. Es geht um den Röhrenaal. Auf Englisch wird das scheue Tier etwas freundlicher garden eel genannt, weil es seinen langen blassen Körper aus dem Meeresboden streckt und sich von der Strömung wiegen lässt. Das sieht dann, weil der Aal gern in Gruppen auftritt, wie eine Wiese mit sanft schwankenden Halmen aus, an deren oberen Ende jeweils zwei melancholische Augen vorwurfsvoll nach Feinden Ausschau halten.

Normalerweise fluppt solch eine Wiese in dem Moment weg, wenn man sie betrachten will. Die Röhrenaal-Populationen aber, die in dem Aquarium zur Welt gekommen sind, jeden Tag den Blicken von Besucherströmen ausgesetzt waren und damit keine schlechten Erfahrungen gemacht hatten, kannten keinen Grund, ihren Wiegetanz zu unterbrechen, wenn man sie bewunderte. Nun gibt es in dem wegen Corona seit März geschlossenen Aquarium keine Besucheraugen mehr, was den Aalen genauso recht zu sein scheint. Schnell gewöhnen sie sich an diesen neuen Zustand, sodass sie nun, wenn ihnen mal ein Pfleger im Vorbeigehen einen Blick zuwirft, sofort erschrecken und alten, eingeschriebenen Reflexen folgend die Flucht ins Unterirdische antreten.

Röhrenaal
Foto: Azoreg/ Wikipedia CC-by 3.0

Die Tiere seien im Begriff, schreibt der Guardian, die Tragweite dieser Worte genüsslich ausrollend, die Existenz von Menschen zu vergessen. Man könnte allerdings auch anmerken, dass die Aale die Menschen in der Routine ihres inflationären Anblicks vergessen hatten und die vorbei wandernden Augenpaare als eine Art bewegte Tapete verstanden. Nun fällt ihnen wieder ein, was sie eigentlich zu befürchten haben.

Um den Effekt zu verhindern, will das Aquarium nun ein paar Tablets aufstellen und bittet Freunde des Röhrenaals, sich in eine Videokonferenz einzuwählen und von den Aalen in Augenschein nehmen zu lassen. Wie bei Kollektiven soll so der Kontakt erhalten werden.

Aber was heißt schon Freunde des Röhrenaals? Es zeigt sich bei dieser Aktion doch die menschliche Natur, die zuerst an ihren eigenen Vorteil denkt. Denn natürlich sollen die Besucher nach der Corona-Krise das entspannte und entspannende Aalewiesenwogen sehen. Für leere Wasserbecken mit Kiesgrund zahlt keiner Eintritt.