Roisin Murphy ist ein Traum im Warhol’schen Sinne. Eine aus anderen Sphären zu uns gestoßene Popkünstlerin, wie es nur wenige gibt. Eine, die es wie Björk und Madonna – bevor diese zu Karikaturen von Björk und Madonna wurden – versteht, alle bedeutenden Aspekte des Pop zu bedienen: Image-Wechsel, Fashion, visuelle Umsetzung und Musik – Murphy kann alles!

Hinzu kommt der gänzlich eigensinnige Charakter der irischen Sängerin, elegant changierend zwischen derangierter Kneipenrandalette – wie auf dem Cover des letzten Moloko-Albums „Statues“ – und klandestiner Eisfee mit einem Organ, das sämtliche Aggregatzustände von kühler Gefährlichkeit bis fauchendem Eros auslotet.

„Hairless Toys“ – allein schon der Titel ist typischer Murphy-Humor – ist das erste Soloalbum der Ex-Moloko-Sängerin, acht Jahre nach dem hochgepriesenen und arg gefloppten Album „Overpowered“. Mit jenem wollte der Konzern EMI die gebürtige Irin zum globalen Popstar aufsteigen lassen, bevor man bei der EMI bemerkte, dass die doch irgendwie seltsame Murphy nicht zum globalen Popstar taugt: „I got signed to EMI because I reminded them of Robbie Williams“.

Eine trotzige Verweigerung ein großer Star zu werden

Und das wird auch mit „Hairless Toys“ nicht passieren, dabei fängt das Album scharf und vielversprechend an. „Evil Eyes“ gar mit Murphys glasklarem Gesang, über dem sich kathedralenhaft Synthieflächen aufspannen, hat etwas Blade-Runner-haft Fantastisches. Doch dieses zweite Stück ist schon der Höhepunkt des Albums, das dritte, „Exploitation“, noch entzückend verrätselt, dann jedoch verrennt sich Murphy in zu vielen Ideen, Reminiszenzen, in zu vielen angefangenen und dann liegengelassenen Liebhabereien von House bis Soul.

Dies war auch schon die große Krux an Moloko – wie Perlen in einer Muschel schlummerten die mitunter lahmen TripHop-Songs, bis ein Produzent kam und die Schale mit Gewalt aufbrach: Boris Dlugosch machte so aus dem schnarchig-süßen „Sing It Back“ einen Höllenhit, auf dessen Chart-Zenit sich Roisin Murphy in der Teenieverwurschtungs-Sendung „Top of the Pops“ wiederfand. Dlugosch hatte mit „Sing it Back“ Ende der 90er-Jahre einen Schatz freigelegt wie weiland Mike Chapman mit Blondies „Heart of Glass“, das sich unter der Hand des Produzenten von einem gemütliche Reggae-Rumpler in einen Welthit verwandelte.

Der Produzent Dlugosch gab den Tritt, den es brauchte, damit das Duo Moloko im Anschluss so wunderbare Hits schrieb wie „The Time Is Now“. Solo indes blieb Murphy ein Geheimtipp. So klingt „Hairless Toys“ wie eine trotzige Verweigerung, sich noch einmal auf das Wagnis einzulassen, ein großer Star zu werden. Das ist schade, denn eigentlich könnte Roisin Murphy sicherlich auch das.

Roisin Murphy: Hairless Toys (PIAS/RTD); Konzert: am 31. 5. auf dem Berlin-Festival