„Hakoah Wien“ im Maxim Gorki Theater: Noch ein Tor!

Wenn Michael Fröhlich israelischen Boden betritt, kommt er einen Monat in Haft und wird dann vor ein Militärgericht gestellt. Jetzt aber ist er in Wien, Rembrandt-Straße 2, untergetaucht und legt ein paar übertrieben betörende Tanzschritte zu Michael Jackson hin, wirft die Lockenpracht und reißt sich das Sakko vom Leib. Es gilt, die Psychoanalytikerin Michaela zu gewinnen − die Enkelin seines Großvaters, der 1936 Michaelas Großmutter schwängerte und nach Palästina auswanderte.

Michaela ist ganz und gar nicht abgeneigt, doch bevor sie sich küssen, wird der Abend abgepfiffen. Die Spieler müssen den Sportreportern noch schnell ein Statement ins Mikro sprechen, bevor sie unter die Dusche dürfen, wo wohl „das eine oder andere Stück Seife herunter fallen wird“. Der Holocaust, die Nahost-Dauerkrise, die jungen Israelis, die ihrem Staat den Rücken kehren, weil sie ein Leben ohne Angst und Krieg wollen, dazu Fußball, Selbstmord, sexuelle Frustration sowie Schwulen- und Psychoanalytikerwitze. Dies alles kommt vor in Yael Ronens jüngst mit dem österreichischen Nestroy-Preis ausgezeichneten Grazer Stückentwicklung „Hakoah Wien“, die nun, welch Glück!, für diese Saison ins Repertoire des Gorki-Theaters gewandert ist.

Niederschmetternd komische Wucht

Erzählt wird aus der Familiengeschichte der Ronens, auch von dem Teil, über den der vor wenigen Jahren gestorbene Großvater nicht gesprochen hat. Was vor seinem Weggang nach Palästina geschah, schien ihm bedeutungslos und des Vergessens würdig: Frauengeschichten und eine Karriere als Fußballprofi bei dem jüdischen Verein Hakoah Wien (der ersten kontinental-europäischen Mannschaft, die ein Spiel auf englischem Boden gewonnen hat).

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Michael Fröhlich, gespielt von Michael Ronen, dem jüngeren Bruder der Regisseurin, der im Zuge seines Wehrdienstes nach Wien geschickt wird, um Vorträge über die Lage in Israel zu halten. Das tut er dann auch auf der Bühne: bittet das Publikum, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn ein Nachbarstaat, zum Beispiel Deutschland, Österreich sein Existenzrecht absprechen würde. Selbstmordanschläge im Hotel Sacher, Raketen auf Linz, Sirenen, Bunker, Kinderschreien ...

Worüber er bei seinen Vorträgen nicht spricht, wovon er uns aber erzählt, sind seine Erlebnisse als Soldat nach der Zweiten Intifada, als er mit seinen Kameraden in Dschenin mit Bulldozern Palästinenserhäuser zusammenschob und sein Kommandeur in Richtung der Demonstranten feuerte. Was würden die Palästinenser denken, wenn sie wüssten, dass der Soldat, der sie bedroht hat, desertiert ist und hier in Berlin zu Michael Jackson tanzt?

Mit solchen vertrackten Fragen wird man konfrontiert, wenn man der niederschmetternd komischen Wucht der Situationen ausgeliefert ist, die Yael Ronen mit leichter Hand organisiert. Intelligent arrangierte Missverständnisse, Zufälle, Klischees wie aus dem Boulevardtheater werden gekreuzt mit der biografischen Authentizität der Beteiligten − und schon steckt der Zuschauer in der Denk-, Lach- und/oder Identifzier-Bredouille.

Humor im Schlamassel

Yael Ronen doktert mit ihren im besten Sinn therapeutischen Stück-entwicklungen an der Unversöhnlichkeit herum, sie spitzt Konflikte zu, lässt sie platzen − und analysiert dann mit diebischer Neugier in den Fetzen herum. Dass Menschen die Gabe haben, derart furchtlos und lustvoll an finsteren, befrachteten, peinlichen und ausweglosen Themen herumzudenken, dass da jemand, der selbst betroffen ist, weiterspielen und weiterreflektieren kann, wo in Wirklichkeit kein Lachen und kein Abstand möglich zu sein scheint, dass jemandem der Humor im Schlamassel treu bleiben kann, das hilft gegen die Resignation. Mag sie auch noch so angebracht sein.

Hakoah Wien. 31. Dez. (18 Uhr), 1. Jan. (19.30 Uhr) im Maxim-Gorki-Theater, Karten unter Tel: 20221115.