Am Donnerstag ist das Halbfinale bei GNTM. „Germany’s Next Topmodel“ für alle, die keine Jugendlichen zu Hause haben. Die Heidi-Klum-Show. Es ist die 16. Folge der 16. Staffel, diesmal wurde in Berlin gedreht, und letzte Woche schalteten 1,8 Millionen Menschen ab drei Jahre ein, wobei ich das mit den Dreijährigen etwas bedenklich finde, denn die Sendung geht bis gegen 23 Uhr.

Nicht bedenklich finde ich inzwischen die Show selbst. Acht Jahre nachdem feministische Aktivistinnen den GNTM-Laufsteg stürmten und sechs Jahre nachdem in einer vom Bayerischen Rundfunk verantworteten Studie 70 von 241 Personen mit Essstörungen angaben, dass diese Sendung sie in besonderer Weise beeinflusst habe, lässt sich an der Flaggschiffshow der körperlichen Zurichtungsindustrie nämlich ein Bewusstseinswandel ablesen. Und zugleich manifestieren.

Eine ist kleiner als 1,70 Meter, eine schwerer als 80 Kilo

Von den ursprünglich 31 Teilnehmerinnen sind noch sechs übrig. Die Finalistinnen der ersten Show im Jahr 2006 waren alle drei 17 Jahre alt. Die diesjährigen Halbfinalistinnen sind zwischen 19 und 23 Jahren. Eine der Frauen hat Wurzeln in Marokko, eine in Syrien, eine in Togo, eine in der Ukraine, eine in Südafrika und Korea. Eine ist kleiner als 1,70 Meter, eine schwerer als 80 Kilo, eine hat gerade ihre Geschlechtsangleichung hinter sich. Alle sind wunderschön, sportlich und selbstbewusst. Es handelt sich nicht um Menschen wie Sie und ich oder unsere Teenager, die wir in Jogginghosen mit hängenden Schultern vor dem Fernseher sitzen. Aber die Kandidatinnen sind auf sehr unterschiedliche Weise perfekt, und das ist das Angenehme.

Nicht dass Heidi Klum da Vorreiterin wäre. Etliche Sportlabels setzen in der Modelauswahl inzwischen auf Durchschnittstypen, auch auf dem Laufsteg wurde Diversität schon gefeiert, es gibt Models mit Handicaps oder Downsyndrom. Aber anders als Fashion-Shows gehört GNTM zum Alltag der Jugendlichen. Die Show begleitet sie ein Drittel des Jahres, sie lernen die Teilnehmerinnen kennen.

Dass der Wettbewerbsgedanke wie die teils absurden Aufgaben an die niederen Zuschauinstinkte appellieren, ist klar. Klar auch, dass es weiterhin um den männlichen Blick geht, der bedient werden muss, selbst wenn mit Ellen von Unwerth auch mal eine Fotografin das Shooting vor dem Hotel Adlon machte oder heute zum Halbfinale die Chefredakteurin der deutschen Ausgabe von „Harper’s Bazaar“, Kerstin Schneider, ein Covergirl castet. Und Heidi Klum nutzt ohnehin jede Chance, Deutungshoheit zu behaupten. Trotzdem gibt es tränenreiche Videocalls mit eifersüchtigen Boyfriends, soll das Weibliche stets wirken und werden alte Herren wie Otto Waalkes oder Wolfgang Joop zur Begutachtung des Fleisches herangezogen.

Das Schöne aber ist, dass die optischen Normen angesichts der Vielfalt der Kandidatinnen nicht mehr so einfach greifen wie bisher. Die Frage ist nicht länger, wer es besser macht, sondern wer es stimmiger macht: Wer am authentischsten bleibt in der Rolle, die jeweils zu spielen ist. Natürlich lauert hier schon der nächste Fallstrick des Geschäfts. Perfekt man selbst sein zu müssen, mag langfristig in der Tat sogar die perfidere Anforderung darstellen. Aber noch ist der Fortschritt im Kommen, noch kann, ja muss man ihn begrüßen und sei es für die Länge eines Schlages mit der naturidentisch gefälschten Wimper.