Dieter Hallervorden macht mit seinem Alterswerk ernst. Was klingt wie ein früher „Nonstop Nonsens“-Witz – „ich habe da in einem Spielfilm in Aserbaidschan mitgespielt, palim palim“ –, ist die Hauptrolle in einem Vergeltungsdrama und hatte in dieser Woche in Baku Premiere. Ob „Quisas almadan ölme“ (sinngemäß: „Sterben in Versöhnung“) auch nach Deutschland kommen wird, ist ungewiss.

Zwei altersweise Käuze

Weder nationaler Ruhm also war zu erwarten noch kaspisches Ölgeld; der Regisseur Oktay Mir-Qasim mußte die Dreharbeiten aus Kostengründen teilweise in seine Bakuer Wohnung verlegen und den im Film schwächlichen Hallervorden damit ins eigene Bett. Bleibt zur Erklärung des Engagements nur das Drehbuch und die Möglichkeit, dass sich mit Hallervorden (78) und Mir-Qasim (70) zwei altersweise Käuze als Brüder im Geiste gefunden haben. Hallervorden kann dazu gerade nicht befragt werden, mit seinem Soloprogramm gastiert er auf einem Boot in unbekannten Gewässern. Mir-Qasim besteht darauf, nicht eine Agentur habe Hallervorden für die Rolle des Günther Braun gecastet, sondern Gott höchstselbst. Dies dürfte ihm wichtig gewesen sein, handelt es sich bei diesem Günther Braun doch gewissermaßen um sein Alter Ego.

Günther Braun ist 1941 einer von 23000 in Aserbaidschan lebenden Kaukasiendeutschen. Sie sind Nachfahren der Schwaben, die sich ab 1817 mit Genehmigung von Zar Alexander I. im Südkaukasus niederließen. Helenendorf – heute Göygöl – war ihre größte Ansiedlung in Aserbaidschan. In ihr spielt auch der Film. Die Wehrmacht hat soeben die Sowjetunion überfallen, nun erscheinen Rotarmisten und vertreiben auf Geheiß Stalins alle Deutschen, die nicht mit Einheimischen verheiratet sind, nach Kasachstan und Sibirien.

Günther Braun schwört Rache

Zu ihrer Erfassung suchen die Russen einen Dorfbewohner als Assistenten. Der halbwüchsige Markus meldet sich und wird zum Kollaborateur. Er entblößt einen Aserbaidschaner, der das deutsche Waisenmädchen Maria als seine Schwiegertochter ausgibt, um sie vor der Deportation zu retten. Maria muss auf den Treck, Markus bleibt er zur Belohnung erspart. Günther, Altersgenosse des Verräters, schwört Rache, bevor auch er das Dorf und seinen aserbaidschanischen Freund Salman verlassen muss.

Die Rache schwelt fortan unerlöst im märkischen Buckow, und erst als Günther knapp 70 Jahre später spürt, dass sie sogar einem friedvollen Tod im Weg steht, schickt er seinen Enkel Richard auf teuflische Mission. Dieser „Buchhalter und kalte Fisch“, ein „typischer Vertreter seiner Epoche“, soll nach Aserbaidschan reisen, Salman einen letzten Brief überbringen und den Verräter Markus ausfindig machen, tot oder lebendig, um ihm wahlweise aufs Grab oder ins Gesicht zu spucken. Als Lohn winkt eine Tankstelle.

Widerwillig tritt Richard, gespielt von Ulrich Rechenbach, seine Reise an, die sich zum abenteuerlichen Initiationstrip in die Männerwelt des Südkaukasus entwickelt. Am Grab seiner Urgroßmutter Bertha in Göygöl legt er Blumen nieder, und als er endlich den Schuft Markus in einem entlegenen svanetischen Bergdorf auftreibt, ist der kalte Fisch längst zum Warmblüter geworden. So bleibt der großväterliche Auftrag natürlich unerfüllt. Der blinde Greis Markus legt seinen Kopf an Richards Schulter, nahezu gleichzeitig stirbt Günther Braun in Deutschland.

Verräter und Verratene

„Wie jeder typische Aserbaidschaner vertrage ich Verrat sehr schlecht“, sagt Oktay Mir-Qasim. „Und ich habe in meinem Leben viel davon über mich ergehen lassen. Jedes Mal litt ich an diesem ungestillten Rachedurst. Aber immer, wenn das Objekt meiner latenten Rache erkrankte, starb oder anderes Unglück erlitt, schämte ich mich für dieses Gefühl.“

In Aserbaidschan, das jährlich kaum mehr als fünf bis sechs Spielfilme hervorbringt und sie allein deshalb gründlich auf gesellschaftliche Relevanz deutet, wird man nun wohl diskutieren, ob es sich hier um mehr als eine private Geschichte und Botschaft handelt. Schwelen dürfte es seit 20 Jahren immerhin bei den etwa einer Million Aserbaidschanern, die im Zuge des Nagorny-Karabach-Konflikts, bei dem Aserbaidschan 20 Prozent seines Territoriums an Armenien verlor, aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

In Deutschland indes sollte man sich wundern, wie im fernen Aserbaidschan ein so deutschenfreundlicher Film entstehen konnte. Nicht nur, dass – wiewohl er zur Zeit des „Großen Vaterländischen“ spielt – kein einziger Faschist in Uniform zu sehen ist, der am „Schlakbaum“ steht und „Achtung, Achtung!“ brüllt. Verräter und Verratene sind hier Deutsche, aber sie sind es am Ende auch, die die es zivilisiert zu Ende bringen.

Oh Tannenbaum

Liegt es an der Bibel, die Oktay Mir-Qasim im Priestergewand höchstselbst durch die Helenendorfer Kirche trägt? Sein Vater wechselte Ende des 19. Jahrhunderts von der Koranschule ans kaiserliche Gymnasium, wo ihn ein deutscher Pastor förderte. Später lagen auf seinem Schreibtisch deutsche Chirurgie-Lehrbücher neben Goethes Faust. „Mein Vater war germanophil.“ 1945 wurde er Präsident der Akademie der Wissenschaften Aserbaidschans. 1947 war er den schönen Titel wieder los, weil er sich weigerte, der Kommunistischen Partei beizutreten. „Ich glaube an Gott“, sagte er zur Begründung. In Oktay Mir-Qasims Kindheit, kurz nach dem Krieg, wurde „Oh Tannenbaum“ gesungen. Er singt es heute noch. Sein Bruder kam verwundet aus dem Krieg zurück, aus Berlin, und heiratete in Baku eine Kaukasiendeutsche, „eine geborene Reich. Diese Geschichte gefällt mir, die erzähle ich gern.“

Oktay Mir-Qasim lebt in einer islamisch geprägten, religiös toleranten Gesellschaft und ist überzeugt davon, dass es nur einen Gott gibt. „Glauben sie auch an Gott? Nein? Schade. Da muss ich in ihren Augen lächerlich aussehen.“