Pipilotti Rist: „Extremitäten (weich, weich)“ , 1999.
Abbildung: Pipilotti Rist, Hauser & Wirth / SMB, 2008 Schenkung der Flick-Collection / Fotograf: Roman März

BerlinSchon beim Betreten der Rieckhallen und drinnen im ersten hohen dunklen Ausstellungsraum, aus dem der Sound einer Blues-Stimme strömt und auf der Filmleinwand ein großer Mund Worte formt, denkt man: Nicht abreißen! Lasst diese Hallen stehen! Diese Hallen am Museum Hamburger Bahnhof mit ihrer Höhe, Weite und den großartigen Möglichkeiten, mehrere raumgreifende Formate von Klang-, Bild- und Medienkunstwerken parallel zu präsentieren. Sie dürfen nicht verschwinden und der Kunst abhanden kommen. Jedoch: Das Areal ist gewinnträchtiges Bauland, und weil der Mietvertrag in einem Jahr ausläuft, sind die Hallen vom Abriss bedroht.

Jetzt aber gibt es dort erstmal noch eine Ausstellung. Und sie nutzt das ganze Potential dieser Räume. Gezeigt wird Medienkunst seit den 70er-Jahren bis heute. Auf über zweitausend Quadratmetern finden sich zentrale Werke aus den Beständen der Nationalgalerie, die über eine der umfangreichsten musealen Medienkunstsammlungen Europas verfügt. Mit Werken der Friedrich-Christian-Flick-Collection, die mit den Hallen verloren gehen würden, sowie Leihgaben der jüngsten Generation von Medienkünstlern und -künstlerinnen.

Der Mund am Anfang ist der von Stan Douglas. In der Schwarzweiß-Nahaufnahme öffnet und schließt er ihn wie zum Sprechen oder Singen. Die Stimme aus den Lautsprechern aber ist nicht seine, sondern die der afroamerikanischen Blues-Legende Robert Johnson. „Breath and Mime“ heißt die Arbeit von 1982 und lässt erinnern an „I can’t breathe“ der Black-Lives-Matter-Bewegung heute. Und genau darum geht es Stan Douglas, der als Afrokanadier damals rassistischen Vorurteilen ausgesetzt war.

Schon hier wird klar: Es handelt sich um politische Kunst, und der Titel „Magical Soul“ hat mit Romantik oder Mystik nichts zu tun. Er bezieht sich vielmehr auf den „Magischen Realismus“, wie man die Neue Sachlichkeit Mitte der Zwanziger auch bezeichnete, als die Malerei wieder politisch wurde.

Während den Parcours-Auftakt das Rattern eines Diaprojektors begleitet, lässt im nächsten Raum ein Filmprojektor aufhorchen. Zugleich laufen auf einer Wand Bilder von Ruinen in Babylon hin zu Baggern einer Großbaustelle, auf der Saddam Husseins Palast entsteht, und landen schließlich beim Ishtar-Tor, dem rekonstruierten Tor aus Babylon im Pergamonmuseum. Dazu erklingt der verstörende Gesang von David Grey in „Babylon“, jener Song, der von den Amerikanern in Guantanamo, aber auch im Irak als Folterinstrument in voller Lautstärke eingesetzt wurde. Cyprien Gaillard hat für „Artefacts“ Anfang der 2000er-Jahre im Irak mit dem Smartphone gefilmt und hinterher die Bilder auf einen 35-Millimeter-Film übertragen. Mit dieser ergreifenden Arbeit gewann er 2011 den Preis der Nationalgalerie.

Sound und Bild haben auch in anderen Videoarbeiten manchmal nichts miteinander zu tun, stehen aber jeweils für einen assoziativen Aspekt des Kunstwerks. Vielschichtig sind alle Werke, die Kuratorin Anna-Catharina Gebbers zusammengetragen hat. Die ältesten stammen aus den Siebzigern, von Medienkunstpionier Nam Jun Paik oder der Feministin Ulrike Rosenbach. Zu den jüngsten Arbeiten zählen die der gehörlosen Künstlerin und Aktivistin Christine Sun Kim.

Sie besteht darauf, „taub“ genannt zu werden, und ist eine Befürworterin der Gebärdensprache und nicht des Lippenlesens. So kommen ihre Zeichnungen mit Musiknoten ganz ohne Sound aus, beim Betrachten entsteht er in der Stille. Die junge Sung Tieu erinnert an die Geschichte ihres Herkunftslandes Vietnam und an Kriegstraumata, über die bis heute geschwiegen wird. Nach der Bedeutung von Identität und Sichtbarkeit fragt die Kongolesin Sandra Mujinga, während Nevin Aladağ in „Voice over“ nicht nur Musikinstrumente von Regen und Wind spielen lässt. Sie hat auch Jugendliche im Görlitzer Park aufgenommen, die in der dritten Generation hier zuhause sind und fast sehnsüchtig Lieder ihrer kurdisch-türkischen Eltern singen.

In einem anderen Raum ist die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist präsent. In „Extremitäten (weich, weich)“ fliegen eine Hand, ein Ohr, ein Penis durch ein großes dunkles Universum mit seinen Sternen, tanzt ein Mund, aus dem die Zunge züngelt. Dazu singt die Künstlerin säuselnd: „Du bist ein Molekül, eine Sonnenblume, eine Frau.“ Es deutet auf das hypnotische Auf-einen-Einreden, was man zu sein hat. Ohren, Mund und Fuß werden zur sinnfällig einfachen Geste, die klarmacht, wie Begriff und Bedeutung auseinanderfallen können.

Man sollte sich Zeit nehmen, es lohnt sich! Die Ausstellung könnte zudem als Appell dafür dienen, die einstigen Speditionshallen auch weiterhin als Kunsträume zu nutzen.