Katharina Grosses Installation „It Wasn't Us“, die derzeit am Hamburger Bahnhof zu sehen ist.
Foto:  John MacDuogall/ AFP

BerlinIn Berlin, wo das künstlerische Leben lange wie intravenös durch riesige Kulturbürokratien auf beiden Seiten der Mauer aufrechterhalten wurde, ist eine Privatisierungsstimmung eingekehrt – dieser Satz stammt von dem US-Kunstkritiker Peter Schjeldahl, er schrieb ihn im Jahr 1999 im Magazin New Yorker. Das Musterbeispiel der benannten Entwicklung erkannte der Autor im palastartigen und in seiner architektonischen Himmelssehnsucht auch etwas gewollt wirkenden Gegenwartsmuseum Hamburger Bahnhof.

Die inzwischen historische Außenperspektive auf den Hamburger Bahnhof als Paradefall für die Verwandlung Berlins unter der Druckwelle der Privatisierung ist in doppelter Hinsicht aufschlussreich. Sie zeigt, welchen Stellenwert der vom Güterbahnhof zum Kunstmuseum umfunktionierte Gebäudekomplex auch unter ästhetischen Gesichtspunkten im Prisma einer sich radikal neu entwerfenden Stadt Berlins als Kunstmetropole einnimmt. Aber sie wirkt gleichzeitig auch wie ein prophetischer Vorblick auf eine Gegenwart, in der dieses Bild Berlins zu zerbrechen droht.

Glaubt man einem spekulativen Bericht der Welt am Sonntag, in dem die Geschichte des Hamburger Bahnhofs spitz als eine „Geschichte der verpassten Chancen“ beschrieben wird, so droht dem Museum möglicherweise die Schließung. Wenngleich man diesem Schluss nicht bis ans Ende folgen muss, ist, was in dem Text deutlich wird, mindestens überraschend: Obwohl der Hamburger Bahnhof Teil der Nationalgalerie ist – und diese der Verwaltung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz untersteht –, ist er im Besitz eines  privaten Investors: der Wiener Immobilienfirma CA Immo.

Die Vorgeschichte: Die CA Immo ist Haupteigentümer des Stadtentwicklungsgebiets Europacity, das seit über einem Jahrzehnt rund um den Hauptbahnhof entsteht und unter anderem den Hamburger Bahnhof, die anschließenden Rieck-Hallen sowie das Gelände, auf dem beide stehen, umfasst. Im Jahr 2007 hatte die Firma die Bahntochter Vivico aufgekauft, welche bundesweit Bahngrundstücke besaß.

Die größte verpasste Chance dieser Entwicklung erkennt die Welt am Sonntag darin, dass die Stadt Berlin es verpasst habe, sich ein Vorkaufsrecht am Hamburger Bahnhof zu sichern. Mehr noch: Offenbar hat sie auch nicht darauf bestanden, einen handfesten Mietvertrag zwischen Besitzern (CA Immo) und Verwaltern (Stiftung Preußischer Kulturbesitz) anzustreben. Daran schließen sich offene Fragen und Vorwürfe an: Wertschätzt Berlin seine Kunststätten nicht ausreichend? Verliert sich das Momentum der Kunst, das sich hier sicherlich weiter entfalten könnte, in bürokratischen Prozessen und schleppender Vernachlässigung?

Was sich jedenfalls an den Außenrändern abzeichnet, ist die berechtigte Sorge vor der Verdrängung der Kunst, die profitableren Interessen weichen muss. Wer je an dem an den Hamburger Bahnhof angrenzenden Gelände vorbeispaziert ist, kann sich leicht ausmalen, wie kunstfern das aussehen wird. Die als „Kunstquartier“ beworbenen Bürobauten und Luxuswohnhäuser würden das Pompöse des Hamburger Bahnhofs wohl durch buchhalterische Uniformität erdrücken und so möglicherweise auch eine der weltweit wichtigsten Sammlungsstätten für zeitgenössische Kunst entwurzeln.

Verstärkt wurde diese Sorge insbesondere vor dem Hintergrund des für Ende 2021 angekündigten Abrisses der knapp 300 Meter langen Rieck-Hallen. Dieser wurde erst kürzlich bekannt - Ende April. Die Rieck-Hallen machen knapp die Hälfte des Ausstellungsgeländes im Hamburger Bahnhof aus. Mit ihrem Wegfall wird auch die umstrittene „Flick Collection“ die Stadt verlassen. Wie könnte eine alternative Ergänzung des inzwischen maroden Hauptgebäudes aussehen? Wäre die Erweiterungsfläche in mögliche Kaufverhandlungen mit eingeplant?

Inzwischen brachte die Kulturstaatsministerin Monika Grütters ein wenig Klärung in die chaotische Sachlage. „Der Bund strebt den Erwerb des Hamburger Bahnhofs an“, bestätigte ein Sprecher am Sonntag in Berlin. Die Liegenschaft soll durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) aufgekauft und anschließend von Grund auf saniert werden. Im Zuge der Rückkaufverhandlungen soll es auch um den Rückkauf eines kleinen Grundstücks am Südende des Altbaus gehen, um dort ein Ersatzgebäude für die Rieck-Hallen zu errichten, wo etwa Schenkungen gezeigt werden könnten. Die, sagte die Leiterin des Museums Gabriele Knapstein, würden dem Museum immer wieder von Sammlern angeboten, müssten wegen schieren Platzmangels aber ausgeschlagen werden.

Von Seiten der CA Immo wird beschwichtigt. Der Berliner Zeitung sagte Sprecher Markus Diekow, das Unternehmen fühle sich sowohl dem Denkmalschutz als auch dem Kulturauftrag des Hamburger Bahnhofs verpflichtet. Anders als bei den Rieck-Hallen, die der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Zwischennutzung freigegeben worden waren, sei die Kulturnutzung des Hauptgebäudes ja im Bebauungsplan festgeschrieben. Überhaupt: Die CA Immo selbst empfinde den Kunstauftrag des Hamburger Bahnhof als „tolle Bereicherung für unser Quartier“. Zu den Fragen der Erweiterungsfläche oder sonstigen Details des geplanten Rückkaufs des Hamburger Bahnhofs durch den Bund will CA Immo sich dagegen nicht äußern.