Wenn man die Augen schloss und sich einmal um die eigene Achse drehte und die Augen dann wieder öffnete und von Neuem in das heitere, von endlos strömenden Freigetränken beseelte Getümmel aus Musikbranchenbeschäftigten blickte, dann musste man in der Tat noch einmal darüber nachdenken, in welchem Jahr wir uns gerade befinden. Ist es wieder 1999, sind wir noch einmal auf der Popkomm in Köln, in den goldenen Zeiten der von dem kurz darauf kommenden Kollaps noch unangekränkelten Musikindustrie?

Nein, wir schreiben natürlich doch das Jahr 2015, und die Szene spielte sich auf dem Hamburger Reeperbahn Festival ab, das am Sonnabend zu Ende ging. Freilich war es verblüffend, wie gut gelaunt, proper und prosperierend die vollständig versammelte Popbranche hier wirkte. Auf dem Spielbudenplatz in der Mitte St. Paulis dienten große Open-Air-Bühnen als Dauerspielstätten; drumherum luden in Dutzenden von Clubs Schallplattenfirmen, Konzertagenturen und staatliche Musikförderungs- und Exportbüros zu Showcase-Konzerten; im Stundentakt konnte man von einem Stehrumchen oder – wie man heutzutage eher zu sagen pflegt – Networking Event zum nächsten schlingern. Überall herrschte großes Hallo, und überall gab es etwas umsonst; es war also wieder alles wie früher.

Oder anders gesagt: Im zehnten Jahr seines Bestehens hat das Reeperbahn Festival endgültig die Nachfolge der alten Popkomm in Köln als zentralem Event für die Musikindustrie angetreten. Damit ist in Hamburg gelungen, was in Berlin nie klappte – dorthin war die Popkomm zunächst ja gezogen, nachdem sie 2003 in Köln kollabiert war. In der Hauptstadt scheinen die Branchenvertreter sich aber nie sonderlich wohlgefühlt zu haben, 2009 wurde die Popkomm mangels Interesse beerdigt, um dann als Berlin Music Week ein paar Jahre lang mit wechselnden Konzepten, aber gleichbleibend mäßigem Erfolg fortgeführt zu werden. Seit diesem Jahr heißt das Berlin-Music-Week-Nachfolgefestival „Pop-Kultur“ und wird nicht mehr vom Wirtschaftssenat, sondern von der Kulturabteilung veranstaltet; die erste Ausgabe fand, wie berichtet, an drei Tagen Ende August im Berghain statt.

Hamburg hingegen setzt nicht auf Kultur, sondern ganz auf Wirtschaft; mir scheint das eine vernünftige Arbeitsteilung zu sein, von der alle Beteiligten profitieren. Wer interessante Konzerte hören will, fährt nach Berlin; wer gerne bei Empfängen mit Entscheidern herumsteht, nimmt hingegen den Weg an die Elbe. Auch hat man in Hamburg erkannt, dass die Musikindustrie mit dem Konzept einer Messe, auf der man in großen Hallen an Ständen auf Medienpartner und Kundschaft wartet, nichts anfangen kann. Darum hat man das Festival über die frisch gentrifizierte Vergnügungsmeile verteilt und die einstigen Satellitenveranstaltungen – das Kontakteknüpfen „am Rand“ der Messe – kurzerhand zum alleinigen Ereignis erklärt.

Am laufenden Band wurden auch Preise verliehen, zum Beispiel der Helga Award für besondere Leistungen im Festivalwesen; er ging unter anderem und völlig zurecht an die tapferen Veranstalter des antifaschistischen „Jamel rockt den Förster“ im naziverseuchten Mecklenburg-Vorpommern. Der Rocco Clein Preis für ein musikjournalistisches Lebenswerk wurde an Alfred Hilsberg vergeben, der beispielsweise Ende der Siebzigerjahre das Wort von der „Neuen Deutschen Welle“ erfand. Der Via! Vut Indie Award für den besten Newcomer auf einem unabhängigen Label ging an die Antilopen Gang.

Und in einem Club mit dem schönen Namen Alte Liebe wurde ein weiterer Preis vorgestellt, der im nächsten Jahr erstmals vergeben werden soll: Der Tonio Musikpreis möchte dem offiziellen Preis der Musikindustrie, dem Echo, dergestalt Konkurrenz machen, dass die Branche ihre Produkte hier erstmals nach Qualität prämiert und nicht – wie beim Echo – nach kommerziellem Profit. Im Gründungsvorstand sitzen lauter integre Figuren, die bei der Vorstellung am Donnerstagnachmittag einen vernünftigen Eindruck erweckten. Es könnte also mit dem Tonio etwas werden – gerade weil das Konzept nicht auf Wirtschaftlichkeit zielt, sondern auf Popkultur als Kultur. Aus dem gleichen Grund soll er, so war zu hören, 2016 dann aber auch nicht in Hamburg verliehen werden. Sondern in Berlin.