Hamed Abdel-Samad: Verlag zieht islamkritisches Buch aus Angst vor Anschlägen zurück

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 in Kairo, kam 1995 nach Deutschland, studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politikwissenschaften. Bekannt ist er für seine islamkritischen Arbeiten. 2014 erschien im Droemer Verlag von ihm „Der islamische Faschismus – Eine Analyse“. Der Verlag hat Lizenzen in die USA, nach Tschechien, Ungarn, Schweden, Estland und Frankreich verkauft.

Der französische Verlag Piranha Edition hat die Übersetzung fertig. Das Buch sollte am 16. September erscheinen. Allerdings schon unter einem eingeweichten Titel: „Ist der Islamismus eine Art Faschismus?“. Jetzt hat der Verlag sich vollständig zurückgezogen. Das Risiko sei ihm zu groß, schrieb er an Hamed Abdel-Samad.

Der erklärt in einer Stellungnahme in dem Blog „Achse des Guten“ dazu: „Nach dem Anschlag von Nizza beschloss der Verleger, das Buch überhaupt nicht erscheinen zu lassen, weil, wie er in einer Mail schrieb, die Konsequenzen für den Verlag tödlich sein könnten. (...) Es könnte einen ähnlichen Anschlag wie bei Charlie Hebdo geben.

Nach Nizza zog der Verlag zurück

Hätte der Verleger seine Mail an dieser Stelle beendet, könnte ich ihn verstehen, denn es geht tatsächlich um Leben und Tod, und ich kann nicht von jedem verlangen, das gleiche Risiko einzugehen, das ich mit meinen Büchern eingehe. Doch dann kam sein zweites Argument, warum eine Veröffentlichung zu diesem Zeitpunkt nicht möglich sei. Das Buch könne Wasser auf die Mühlen der Rechten in Frankreich gießen. Diese Rechten hat es in Frankreich vor zwei Jahren nicht gegeben, als der Verlag die Rechte für das Buch erwarb!! (...) Es ist noch nicht lange her, da schrieb dieser Verleger ,Je suis Charlie‘ heute schreibt er ,Ich habe Angst, Charlie zu werden‘. (...) Die Krokodile, die du jetzt fütterst in der Hoffnung, dass sie dich nicht fressen, werden auch dich am Ende auseinandernehmen.“

Hamed Abdel-Samad hat mit jedem Satz recht. Sowohl mit dem, dass man von niemandem Todesmut erwarten kann als auch mit dem, dass es einem nichts hilft, dem zu gehorchen, der einen beseitigen will. Das Dilemma ist glasklar beschrieben. Die Wahrheit ist allerdings: Kaum jemand von uns kommt in diese Lage, noch weniger wollen begreifen, dass sie in dieser Lage sind. Immerhin: Droemer, ein großer deutscher Verlag hat das Buch herausgebracht. Da war Abdel-Samad bereits mit einer Todesfatwa bedroht und hatte abtauchen müssen. Kein anderer Lizenznehmer ist bisher vom Vertrag zurückgetreten. Bei Prometheus Books ist seit Januar die amerikanische Ausgabe unter dem Titel „Islamic Fascism“ zu haben.

Niemand muss der Auffassung folgen, der Islamismus sei eine Spielart des Faschismus und ebenso wie der und Nationalsozialismus und Stalinismus eine Nachgeburt des Ersten Weltkrieges. Aber natürlich wird man nicht klüger, wenn man nicht vergleicht. Die Ähnlichkeiten sind frappierend. Allerdings ist der Brauch, jeden, der nicht der Meinung des „Führers“ folgt, einen Kopf kürzer zu machen, keine faschistische Erfindung. Auch die Ausrottung ganzer Populationen einschließlich derer, die den Machthabern ewige Treue schworen, ist keine Errungenschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Es hat auch nicht des Islam bedurft, um Heer- und Religionsführer zu verschmelzen. Die Qualität des Buches von Abdel-Samad liegt nicht im Titel, sondern in den Belegen, die er für die lauernde und die tatsächliche Aggressivität, die die islamische Geschichte, auch die der Koran- und Hadith-Auslegung begleiten, anführt.

Über das Christentum sind völlig zu recht ganz ähnliche Geschichten geschrieben worden. Auf den Buddhismus, über den sich eine merkwürdig idealisierte Anschauung hält, beginnt man ähnlich kritisch zu sehen. Dem Shinto-Kenner Abdel-Samad stehen auch jede Menge „faschistoider“ Züge dieser japanischen religiösen Tradition vor Augen. Mit dem Wort Faschismus ist wenig geholfen. Es sei denn dem, der es braucht, um sich die Augen für das Offensichtliche öffnen zu lassen.

Der Artikel 19 Verlag

Jede dieser Religionen hat auch andere Seiten. Welche gerade die Tagesordnung ziert, ist eine Frage der aktuellen Lage. Mit den Traditionen hat das wenig zu tun. Diese Klamottenkiste steht da und jeder holt sich raus, was er braucht. Ein Jahrhundert lang wurde von der katholischen Kirche „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bekämpft, heute wird behauptet, es handele sich um säkularisierte, christliche Werte.

Nochmal zurück zu Abdel-Samads französischem Verleger, zu dem zahnlosen Piranha: Als am 14. Februar 1989 Ajatollah Chomeini alle Muslime dazu aufforderte, Salman Rushdie, den Autor von „Satanische Verse“ und seine Verleger zu töten, bildete sich in Deutschland der Artikel 19 Verlag. Er nannte sich nach dem die Meinungsfreiheit garantierenden Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Rund neunzig Verlag schlossen sich damals zusammen und gaben Rushdies „Satanische Verse“ heraus. Wenn Piranha sich mit ein paar Forellen und Barschen zusammentut, könnte er vielleicht dem Artikel 19 auch im Falle von Abdel-Samad zur Geltung verhelfen.