Und wenn er dann stirbt, hingestreckt vom Lauf der Dinge, die seine Welt waren, das Haar verwüstet, der Blick irr, die Hände schlaff, mit verschwitzten Silben letzte Worte stöhnt, den Kopf noch einmal hebt – dann lachen die Leute. Sie spotten. Sie höhnen.

So geht das gewöhnlich zu, wenn einer abgeschafft wird auf dieser Welt, der störte oder überflüssig wurde, den man beiseite haben muss, damit es weitergehen kann, irgendwie. Für diese Inszenierung aber ist der Zuschauerspott ein Schlag ins Gesicht. Sechs Stunden Ernst und Müh’, sechs Stunden Drama im Größtformat, sechs Stunden Worte, Worte, Worte – und ein höhnisch Lachen zum Schluss. Es ist auch ungerecht. Aber mit Gerechtigkeit haben Zuschauer nichts zu schaffen. Das Herz reagiert schneller als der Kopf, die Augen wissen mehr als der Verstand. Viel wurde geklatscht am Ende, kurz nach Mitternacht im Wiener Burgtheater, erschöpft vom Sitzen und Schauen, erleichtert, dass es vorüber ist. Die Lacher aber bleiben.

Interpretationsstifte zur Seite packen

Die Sonne schien herbstlich mild am Nachmittag. Seltsame Stimmung in der Stadt am Tag bevor die Österreicher ein neues Parlament zu wählen hatten. Links neben der Burg das SPÖ-Wahlkampfzelt: Riesenplakate, Sprüche, Flaggen; gegenüber auf dem Rathausplatz die „Game City“ eines Computerspiel-anbieters: Werbebanner, Sprüche, Fahnen; im benachbarten, im berühmten, überteuerten Café Landt-mann: lärmende Massen, Riesenkuchenstücke, Goldrandtassen. Und im Theater lauter Aufgeregte. „Hamlet“! Ungekürzt! Von Andrea Breth!

Sie tritt zu Beginn vor den tiefschwarzen Vorhang und spricht von einer „sehr schweren Fersenverletzung“, die sich ihr Hauptdarsteller August Diehl zugezogen habe. Er spiele, aber er humple auch, was bitte nicht gedeutet werden solle; man sei nicht so vermessen gewesen, mit „Hamlet“ auch noch „Richard III.“ spielen zu wollen. Man möge bitte die Interpretationsstifte zur Seite packen. Machen wir, gern geschehen.

Wir wundern uns nur. Es ist ein Rundraum auf die Bühne gebaut. Man sieht es nieseln auf Geäst, sieht ein superlanges Sofa, ein fischfreies Aquarium, sieht Stühle vor einem Mikrofon, eine Badewanne, den langen Tisch. Ein Bild dreht das nächste in den Blick, die Musik grummelt, das Licht schimmert. Man sieht auch Menschen gehen, sprechen, sitzen, sieht sie die Stirn verkrampfen, die Finger spreizen, sieht, wie sie einander beäugen, sieht Schweiß und elegante Stoffe. Doch Spieler sieht man nicht. Lähme liegt über dem Abend, seltsame Gliederstarre, dumpfe Trägheit, Müdigkeit, im ersten Akt schon, wenn der Geist Hamlets schön grausig zwischen den Ästen streunt und man noch glauben möchte, hier sei das Schauermärchen mit dem antiken Tragödienspiel ins Bett gestiegen.

Nullen, die etwas bedeuten wollen

Das vielleicht macht diese sechs Shakespeare-Stunden so zäh und zahm: Niemand weiß wohin mit sich. Mal ist es, als seien alle samt und sonders in ein seelenglühendes Schiller-Spiel geraten, mal, als suchten sie ihr Darstellerglück in großantiker Leidenschaft, mal, als wollten sie uns ein ganz und gar gegenwärtiges Sesseldrama andrehen, mal, als wären sie lieber beim Film. Das ist es wahrscheinlich auch, was Andrea Breth hier versucht: die ganze Welt ins Theater holen, alles auf einmal, alles in einem vereint. Sie sprechen entsprechend in alle Richtungen und keine. Sie sind alles und nichts: Nullen, die etwas bedeuten wollen.

Die schönste Null: August Diehl. Er kann vom Penner bis zum Deklamator alles, kann wüten als wolle er Klaus Kinski auferwecken, kann greinen wie ein Greis. Sein Hamlet ist durch und durch ein Toller, verrückt geworden an seiner Welt, ein Ritter des Unrettbaren, der das Theater (!) liebt und sich in einer Schmierenkomödie wiederfindet. Die Augen liegen ihm tief, die Seele ist nackt. Er spricht nicht, es fallen ihm die Silben auf den Kopf, zerteilen das Hirn, spalten das Herz. Hamlet, ein Fugenloser. Die Menschen lachen, wenn er stirbt.

In den großen, mir unvergesslichen Breth-Abenden, ihrem Wiener „Don Carlos“ (2004), „Verbrechen und Strafe“ in Salzburg (2008) vor allem, war es immer, als holten die Schauspieler aus jeder Silbe alle sagbaren Sätze, aus jeder Geste alles denkbare Zeigen hervor, als sei im kleinsten Detail das Größte enthalten. Diesmal aber ist’s, als seien den Worten die Welten ins Genick geschleudert, als gingen die Sätze am Stock, krumm und ziellos. Andrea Clausen als Hamlets Mutter, Roland Koch als sein Onkel, Wiebke Mollenhauer als die junge und Elisabeth Orth als die gramgebeugte Ophelia, Albrecht Abraham Schuch als Laertes, Markus Meyer als Horatio: lauter Sätzeschlepper. Es ist, als seien sie in Schaum gefallen: nirgends Halt, überall platzende Bläschen. Diese Welt kann nicht aus den Fugen geraten, sie hat keine.

Der Welt den Spiegel vorhalten will dieser Abend – und weiß nicht, wie den Spiegel ausrichten, um Welt einzufangen. Das womöglich ist die Prägemarke unserer Zeit: derart zerfasert, verfranst zu sein, dass kein Spiegel, kein Abdruck sie wiederzugeben vermag. Was Wunder, dass auch das Theater nur noch lärmen und leer laufen kann.