Zweifellos ist sie eine andere Art von Sprache – die Kunst des Zeichnens. Wenn es heißt, „die (oder der) kann zeichnen!“, dann steckt in dieser Feststellung immer Anerkennung. Allerdings galt die Disziplin jahrhundertelang eher als eine der Malerei, der Bildhauerei dienende. In der Moderne errang sie – endlich – den Status als Solistin, längst kann sie auf eigene Kollektionen, passionierte Sammler, spezialisierte Museen verweisen.

Berlins Kupferstichkabinett ist – neben dem grafischen Medium – der ideale Ort, um uns, neben den Altmeistern, auch Zeichenkunst unserer Tage nahezubringen. Etwa die von Nanne Meyer und Julia Oschatz. Soeben wurden diese beiden in Berlin lebenden Zeichnerinnen für ihre Papier-Kunst geehrt. Namenspatronin ist die Dadaistin Hannah Höch, im Berlin der Goldenen Zwanziger eine zeitkritische Collagistin und Zeichnerin vor dem Herrn.

Strukturen erfassen

Nanne Meyer, 61, geboren in Hamburg und seit Jahren Professorin an der Kunsthochschule Weißensee, bekam den begehrten Höch-Preis des Landes Berlin, dotiert mit 25.000 Euro, dazu eine Werkschau. Und Julia Oschatz, 43, gebürtige Darmstädterin, den Höch-Förderpreis (2000 Euro). Beide Ausstellungen kuratierte Andreas Schalhorn vom Kupferstichkabinett, und in dessen Räumen am Kulturforum ist Nanne Meyers so markante wie universalpoetische Zeichenkunst in einem exzellenten Querschnitt ihres Schaffens ausgebreitet. Julia Oschatz’s Dialog mit Peter Bruegel – und dessen tiefsinnig-satirischem Gemälde der „Niederländischen Sprichwörter“ anno 1559, wiederum erlebt man eine Treppe tiefer, in einem Kabinett der Gemäldegalerie Alte Meister, nahe besagtem Referenz-Bild von Bruegel. Da ist „grueBel“ (dadaistische Verballhornung des Maler-Namens und des Wortes grübeln) in Vitrinen, an Wänden, auf Monitoren zu sehen.

Beide Künstlerinnen, so unterschiedlich die Motive, zeichnen nicht, um Dinge abzubilden, sondern, um Strukturen zu erfassen, zu übersetzen, auch in Zwischenräume. Kopf – Hand –Stift – ist beiden der elementare Weg zum Ziel.

Nanne Meyers große Blätter lassen an Luftbilder denken, Landschaften, Städte, Dörfer aus dem Flieger gesehen: Nichts als der Moment. Alles scheint fließend, alles flüchtig, in diesen Flug-Reisebildern, wie die mit Silberstift auf ein großes schwarzes Blatt gesetzte Alpenlandschaft samt sich an die Gebirgsfüße schmiegende Bergdörfer. „Nachtflug“, 2012, muss ein Erinnerungsgebilde vom Überflug der Alpen Richtung Italien sein. Silbrigweiß leuchten die Umrisse der Bergmassive und Ortschaften aus dem Schwarz, spinnengewebegleich.

Zeichnen wird zum „Denkraum“

Auf anderen Blättern Meyers sind kleine Rechtecke zu Siedlungen gruppiert. Die Linien deuten Straßen, Wege, Bäche an. Aussparungen lassen an Felder denken, an Tümpel und Bergseen. Bisweilen schieben sich Wolkenbänke zwischen Betrachter und Blatt. Oft überzeichnet sie ganze Landkarten oder Stadtpläne, holt in ihrer Fantasie aus einer Landkarte von Bergen, Tälern, Gewässern und Himmeln Köpfe und Gesichter hervor, die an Mittelalter-Bilder denken lassen, an finstere Mythen, Aberglauben, Engel, Teufel, Chimären und Dämonen. Oft sind da auch fast meteorologische Verweise. Mehrfarbige schwingende Linien scheinen Hoch- und Tiefdruckgebiete oder Meeresströmungen zu beschreiben. Mit Realismus oder Wissenschaft haben diese „Weltentwürfe“ nichts zu tun. Es sind Metaphern. Alles an diesen schwarz-weißen oder farbigen Linien, Strichbündeln, stakkatohaften, wie zentrifugalen Wirbeln, Zusammenballungen und Tilgungen, bis hin zu malerischen Formen, sind intuitive, emotionale, vom Geschauten kommende Abstraktionen – die dennoch auf sehr eigene, sozusagen informelle Weise, so spontan wie fesselnd von Landschaft, Lebensraum, Dasein erzählen. Zeichnen wird zum „Denkraum“.

Julia Oschatz lotet zeichnend die Mal-Welten Alter Meister aus, begonnen hat sie damit im Madrider Prado. Mit Humor, Hintersinn und Denkschärfe paraphrasiert – und uminterpretiert – sie in Berlin Bruegels skurrilen Sprichwort-Kosmos. 100 Sprüche über Torheit und Sünden der Menschen sind darauf zu entdecken. Zu 23 hat die Zeichnerin, die mal mit Stift, mal mit Pinsel, mal mit Videoaktionen arbeitet, ihrer Fantasie Lauf gelassen. Da hängt einer sein Mäntelchen in den Wind, ein anderer schüttet den Brunnen zu, nachdem das Kalb darin ertrunken ist. Ein Dummer schneidet sich ins eigene Fleisch, auf dem nächsten Blatt scheißt einer, der Feuer gefressen hat, Funken. Wieder ein anderer trägt ein Brett vorm Kopf spazieren und ein weiterer tumber Tor schüttet Federn in den Wind, so dass er nichts mehr sehen kann.

Lustvoll blickt die Zeichnerin ihren Akteuren in die geöffneten Hohlköpfe. Und so bringt uns Julia Oschatz auf ihre eigenwillig-sinnliche Art ganz schön ins Grübeln.

Kupferstichkabinett der SMB, Kulturforum, bis 15. bzw. 22. Februar 2015, Di–Fr 10–18, Sa+So 11–18 Uhr.