Berlin - Entführung verjährt nach zwanzig Jahren, aber Mara Breuer (Nina Hoger) leidet noch 22 Jahre später an den psychischen Folgen, obwohl sie sich an ihr Martyrium gar nicht erinnern kann. Oft wirkt sie blockiert, mitunter bekommt sie Luftnot und wird ohnmächtig. Eine Therapie am Meer, dort, wo sie damals auch entführt und tagelang eingesperrt worden war, soll helfen. Mit dabei ist ihre Mutter Charlotte (Hannelore Hoger), eine Buchhändlerin, die einst mühsam das Lösegeld zusammenkratzte und die ebenfalls schwer angeschlagen wirkt. Auch sie bräuchte eigentlich eine Therapie, befindet die einfühlsame Psychologin (Christina Große), die detailliert über die posttraumatischen Störungen aufklärt. Die eigentliche Idee des ZDF aber bestand nicht in medizinischer Aufklärung, sondern darin, Mutter und Tochter Hoger mal wieder vor der Kamera zusammenzuführen. Beide hatten schon Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre zusammengespielt. Danach tauchte Nina mal als Mordopfer in einem Fall von „Bella Block“ auf – diese Kommissarinnen-Rolle spielte ihre Mutter ja fast 25 Jahre lang, bis 2018. Das Team von „Bella Block“ ist nun auch verantwortlich für „Zurück ans Meer“: Fabian Thaesler schrieb das Buch, Markus Imboden führte Regie.

Das Psychodrama entwickelt sich zu einem Krimi

So ist es keine Überraschung, dass sich das Psychodrama in Richtung Krimi entwickelt. Die Mutter glaubt, den damaligen Erpresser an seiner Stimme erkannt zu haben. Es ist ein dänischer Bauunternehmer, der einer schwerreichen Familie angehört und gar nicht auf das Lösegeld einer Entführung angewiesen gewesen wäre. Dänen-Star Jens Albinus zeigt ihn ebenso arrogant wie undurchsichtig. Charlotte verfolgt den mächtigen Mann, stellt ihn in dessen Villa – so energisch und stur wie einst „Bella Block“, nur ohne den Rückhalt einer Behörde. Die Mutter überschreitet alle Grenzen und landet in einer realen Gefängniszelle, während die Tochter in ihrem Trauma gefangen bleibt und dem vermittelnden Anwalt klar macht: „Ich hasse sie!“ Auch ansonsten kommunizieren Mutter und Tochter eher über den Anwalt, Hannelore und Nina Hoger bestreiten leider gar nicht so viele gemeinsame Szenen. Aber auch das Fernduell hat seine Reize, zumal die Gesichtszüge der beiden im Alter immer ähnlicher werden. Hannelore Hoger wurde kürzlich 80 Jahre alt, Nina wird demnächst auch schon 60. Ihre Rolle als Opfer, das sich mühsam öffnet und befreit, eröffnet mehr schauspielerische Räume als die ihrer Mutter, die sich offenbar immer mehr in die Enge verrennt.

„Zurück ans Meer“ aber bleibt ein etwas unentschlossener Mix aus Psychodrama, Thriller und Krimi. Die Frage nach der Erlösung aus dem Trauma ist letztlich wichtiger als die Frage nach der Strafe für den Täter.

Zurück ans Meer – Mo, 4.10., 20.15 Uhr, ZDF