Mosaik von Hannes Hegen“ – das stand auf der Titelseite einer beliebten Comic-Serie der DDR. Millionen Kinder und Jugendliche wuchsen seit Mitte der 50er-Jahre mit den witzigen Helden Dig, Dag und Digedag auf, kurz Digedags genannt. Am Zeitungskiosk erhielt man die Hefte nicht, obwohl monatlich bis zu 660 000 Exemplare gedruckt wurden. Alte Abos wanderten von Generation zu Generation weiter. Wer Hefte aus den ersten Jahren hatte – wie zerfleddert und abgenutzt auch immer –, verfügte über einen wahren Schatz.

Doch Hannes Hegen, dessen Name auf jedem Heft stand, zeigte sich seinen jungen Lesern nie. War er ein Phantom, das Pseudonym eines Zeichner-Kollektivs? Erst viel später erfuhren viele, dass der Erfinder der Mosaik-Hefte der Grafiker Johannes Eduard Hegenbarth war. Der 1925 in Böhmisch Kamnitz, im heutigen Tschechien, geborene Sohn eines Glasgraveurs lernte sein Handwerk an Hochschulen in Wien und Leipzig. Danach zeichnete er für die DDR-Satiremagazine „Frischer Wind“ und „Eulenspiegel“.

Bildend im besten Sinne

Hegenbarths große Leistung war es, den Comic für die DDR hoffähig gemacht zu haben – ohne sich dabei ideologisch vereinnahmen zu lassen. Der Comic an sich wurde von DDR-Ideologen als höchst verdächtig angesehen. Mickey Mouse oder Donald Duck galten als Witzfiguren aus der „Schund- und Schmutzliteratur“ des Westens, die die junge Generation mit möglichst viel Klamauk vom Aufbau des Sozialismus abhalten sollten.

Als sich der Zeichner Johannes Hegenbarth 1955 mit einer eigenen Idee für eine „Bilderzeitschrift“ an den Verlag Junge Welt wandte, war längst nicht klar, ob er dort Erfolg haben würde. Die knubbelnasigen Helden, die er unter dem Pseudonym Hannes Hegen entwarf, waren alles andere als junge Pioniere, die Altstoffe sammelten oder auf den historischen Spuren von Marx und Thälmann wandelten. Doch die Qualität der Geschichten überzeugte, und die Zeit war günstig: Tauwetter nach dem Tode Stalins.

Dig, Dag und Digedag, die ihre Namen dem Ticken der Pendeluhr Hegens verdankten, zog es ständig in die Ferne, über Grenzen hinaus. Sie reisten durch 23 Jahrhunderte, waren im alten Rom, im Orient, in der Südsee, im wilden Westen Amerikas und im Weltraum. Sie wurden 13 Mal eingesperrt und machten 59 Erfindungen. Immer ging es bei ihren ruhelosen Abenteuern auch um soziale Werte, um Gerechtigkeit für die Armen und Unterdrückten – aber nie mit dem ideologischen Hammer.

Faszinierend war die Detail-Genauigkeit der Hefte. Hannes Hegen schöpfte aus seiner riesigen Bibliothek voller Geschichts-, Kunst- und Architekturliteratur. Heutigen Comic-Lesern erscheint gewiss manches zu korrekt, zu bilderbuchmäßig gezeichnet. Aber damals traf es den Nerv von Millionen. Es wirkte bildend – im besten Sinne. Man konnte durch das alte Konstantinopel spazieren, die Maya-Pyramiden und die Tierwelt des Amazonas kennenlernen. Mancher einstige DDR-Bürger erkannte später auf eigener Reise Venedig aus den Mosaik-Zeichnungen wieder.

Zwanzig Jahre lief das Mosaik erfolgreich – dank seiner Beliebtheit und der hohen Gewinne, die es machte. Doch nach einem Streit Hannes Hegens mit dem Verlag Junge Welt wurde es 1975 eingestellt. Ein Jahr später belebte man das Heft wieder, mit neuen Helden, den Abrafaxen.

Hegen besaß das Urheberrecht an seinen Figuren. Die Abrafaxe sah er als Plagiat seiner Digedags an. Er klagte erfolglos und zog sich ganz zurück. „Die Partei wollte, dass die Hefte politischer werden. Ich lehnte ab“, sagte er später zum Ende seiner Serie. Doch eine Rolle hatte wohl auch gespielt, dass er nur noch sechs Hefte pro Jahr zeichnen wollte, nicht mehr zwölf. Der Verlag war nicht dazu bereit. Wegbegleiter beschreiben Hannes Hegen als empfindlich und stur, zugleich als großzügig und humorvoll. Eine seiner wichtigsten Zeichnerinnen, die heute 81-jährige Lona Rietschel, begegnete ihm erst 37 Jahre später wieder in seinem roten Backsteinhaus in der Waldowallee in Berlin-Karlshorst. Dort waren von 1955 bis 1975 alle Mosaik-Hefte entstanden. Bis zu etwa zehn Mitarbeiter wirkten daran mit. „Rührend war er damit beschäftigt, alte Zeichnungen auf seinem Farbkopierer zu vergrößern und sich daran zu erfreuen“, erzählte Lona Rietschel über das späte Wiedersehen. Seit den 1990er-Jahren erlebte das Mosaik eine Renaissance. Es erntete Comic-Preise. 2012 widmete das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig ihm eine Ausstellung. Schon 2009 hatte Hegen dem Forum sein Archiv geschenkt. Doch nach Leipzig konnte er nicht mehr reisen. Nach einem schweren Sturz lebte er im Pflegeheim. Nun ist er am 8. November im Alter von 89 Jahren gestorben, wie der Leipziger Lehmstedt-Verlag am Donnerstag mitteilte.

Was bleibt, sind unzählige spannende Stunden mit den Digedags. Und zugleich viele Lebensweisheiten, die Ritter Runkel, einer der Geschöpfe von Hannes Hegen, unermüdlich in gereimten Ritterregeln ausdrückte. Hier einige davon: Ein Ritter, der den Weg nicht kennt,/ kommt niemals in den Orient – Ein Ritter ungeharnischt/ taugt so gut wie gar nischt. – Und sind die Zeiten noch so trübe,/ hell strahlt vom Helm die Runkelrübe!