Hans Ticha in seinem Atelier im Maintal-Hochstadt.
Foto:  Galerie Läkemäker/Johannes Zielke

Schwerin/Rheinsberg – Formal lässt etliches in diesen Bildern bis 1989 an die Pop-Art des Westens denken. Und doch ist vieles anders, vor allem die inhaltliche Stoßrichtung. Es geht da noch lange nicht um Ironie gegenüber der kapitalistischen Überflussgesellschaft und deren Konsumwahn, auch nicht um Spießbürgertum. Ticha klebte bis zum Ende der DDR die verratenen Ideale und verlogenen Rituale der „Sieger der Geschichte“ auf Pinsel und Siebdruck-Schablonen, provokant, ganz  im Stile des Agit-Prop. So entstanden der signal- und boshafte „Hochruf“, 1982, als Kommentar auf das Totalitäre des Systems, und die „Alles-Hörer“ mit riesigen Ohren, als Anspielung auf die Stasi.

Was immer der am 2. September 1940 geborene Ticha, der einst an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Kurt Robbel und Arno Mohr studierte, bis dato malt, ist, auf provokant-lustige Weise, figurativ und zugleich schablonenhaft abstrahiert, wirkt gnadenlos nah, stilisiert, fast distanziert – und erfasst doch das Wesen der Dinge. Es ist die seltsame, nicht ganz greifbare Ticha-Ikonografie, destilliert zu einem eigenwilligen Bildkosmos aus dem russischen Konstruktivismus eines Malewitsch und dessen Lubok-Figuren, aus dem optimistischen Konstruktivismus des Franzosen Leger, aus den Bauhausfigurationen Oskar Schlemmers und der amerikanischen Pop-Art etwa Roy Lichtensteins. Aber was war das doch für eine grandiose Persiflage auf eine stereotype, ritualisierte, von Machtinstrumentarien diktierte Siegerwartung, wie sie einst den DDR-Sport prägte – und noch heute das internationale Wettkampfgebaren,  das Höher, Schneller, Weiter wegen der rücksichtslosen  und umweltzerstörenden Macht des Geldes sogar bis zum Doping – und leider auch in allen anderen Lebensbereichen bestimmend ist.

Der Ironiker Hans Ticha passt noch immer in kein Raster. Er steckt seine Zeitsicht, sein Zeitgefühl in Bilder, ob es damals die vollbusige FDJlerin war oder ein heutiges Werbegirl mit aufgespritzen Lippen und operiertem Vorbau. Bis vor über 30 Jahren aber war Tichas Bildsprache irgendwie „gefährlich“. Ausgestellt wurde offiziell nur das, was unter die Harmlos-Rubrik Gebrauchsgrafik/Illustration passte. Die Ölfarben indes enthielten politischen Sprengstoff. Um nicht womöglich in den politischen Knast zu müssen, stellte er die Bilder mit der „Butterseite“ weit hinten gegen die Wand in seinem Atelier in Prenzlauer Berg: die „Großen Klatscher“, die als konstruktivistische Maschinenarmee aufmarschierenden NVA-Offiziere, die „Redner“, „Ordensträger“, „Fahnenschwenker“, die stempelförmigen Funktionärs- und Beamten-Köpfe, die „Unverbrüchlichen“ Waffenbrüder, die staatsmännischen „Umarmer“ – Parodien eines sich selbst applaudierenden Staates. Aus heutiger Sicht lesen sich diese Motive  als Diagnosen des Untergangs der DDR.

Im Jahr der Wiedervereinigung ging Ticha weg aus Berlin, ins Rhein-Main-Gebiet. Aber Ironie blieb ihm Pflicht. Den Persiflagen auf die Diktatur der Arbeiterklasse folgte in den vergangenen 30 Jahren der Blick auf Schwachstellen der westlichen Demokratie. So heißen die kalt stilisierenden Bilder etwa: „Schöner wohnen“, „Wir bieten Ihnen ...“, „Idol“, „Pauschalreise“ oder „Live Sex“. Seit Jahren betreut der in Berlin und Wustrow agierende Galerist Johannes Zielke das Werk Tichas, diese mitunter surreale Variante der Pop-Art, abermals sarkastische Paraphrasen auf Jasager, Opportunisten, Seelen-, Glücks- und Liebesverkäufer.

Geburtstagsausstellungen: Staatliche Kunstsammlungen Schwerin, Schleswig-Holstein-Haus (die soeben ein Konvolut von Ticha-Bildern ankauften), bis 13. September, Di–So 11–18 Uhr und im Kurt-Tucholsky-Museum, Schloss Rheinsberg, bis 3. Januar 2021, 10–17.30 Uhr, ab November 10–16 Uhr.