Hans Zimmer komponiert: Neue „Tagesschau“-Melodie nach 56 Jahren

Ein paar Stunden musste Deutschland am Dienstag bangen, dann war klar: Das „Ta-ta, ta ta ta taaa“ überlebt. Die Bild-Zeitung hatte zuvor enorm exklusiv berichtet, die ARD schaffe die legendäre Titelmusik von Deutschlands Nachrichtenflaggschiff , der „Tagesschau“, ab – und lasse sich vom oscarprämierten Soundtrack-Komponisten Hans Zimmer etwas völlig Neues entwerfen.

Allerorten schüttelten Menschen fassungslos den Kopf, Kümmernis und Befremden machten sich breit. Doch dann kamen die ersten Journalisten auf den Gedanken, einfach mal bei der ARD nachzufragen, ob das denn so stimme. Und siehe da: Es steht allenfalls eine Überarbeitung der berühmten Melodie an, keinesfalls ein radikaler Wandel.

Etablierte Marken

Es ist im Übrigen auch nicht Hans Zimmer, der sich im fernen Hollywood Gedanken über passende Tonfolgen zur Nachrichtenverkündigung macht, sondern sein Mitarbeiter Henning Lohner, ein ehemaliger Assistent des komponisten Karlheinz Stockhausens. Hochkultur also, die Verfechter der reinen öffentlich-rechtlichen Lehre können durchatmen. Und natürlich wird Lohner das „Ta-ta, ta ta ta taaa“ übernehmen, so wie es bislang immer war, wenn die „Tagesschau“-Musik renoviert wurde. Alles andere – das demonstrierte die gestrige republikweite Aufregung nachdrücklich – wäre auch der komplette Wahnsinn gewesen.

Dass es im Fernsehen gewisse Markenzeichen gibt, die den Deutschen heilig sind, hatte zuletzt Til Schweiger erkennen müssen. Im Frühjahr hatte der neue Hamburger „Tatort“-Kommissar zu Protokoll gegeben, den berühmten Vorspann der bekannten Krimi-Reihe am liebsten ändern zu wollen – dieser sei „jetzt wirklich outdated“.

Die Reaktion von Kritikern, Zuschauern und Fernsehschaffenden war ziemlich eindeutig: doofe Idee. Was Schweiger offenbar nicht verstanden hatte: Der „Tatort“-Vorspann ist Generationen von Fernsehzuschauern vertraut, jeder weiß schon bei den ersten Takten und den ersten Bildern, was nun kommt. Und das ist Gold wert in Zeiten der permanenten Reizüberflutung und flüchtigen Informationen.

Bewährtes behalten

Glücklich kann sich also jeder schätzen, der eine solche Marke oder einen derartigen Klassiker etabliert hat. Ob „Traumschiff“, „Dallas“ oder „Wetten, dass..?“: Jede dauerhaft erfolgreiche Fernsehsendung ist mit einer bestimmten Titelmusik verbunden. Als Kind freute man sich, wenn die „Bonanza“-Musik losgaloppierte. Heute ist sie Bestandteil nostalgietrunkener Schwelgereien in verklärten Erinnerungen: Harmonien und Akkorde, die unzählige Menschen ein Leben lang begleiten.

Im Falle der „Tagesschau“-Musik zeichnete ein gewisser Hans Carste für das kollektive Mitsummen verantwortlich. Der 1971 verstorbene Komponist von Filmmusiken, der Operette „Lump mit Herz“ und dem musikalischen Lustspiel „Lüg’ nicht, Baby“ war während des Zweiten Weltkriegs in sowjetische Gefangenschaft geraten und hatte die Zeit dort sinnvoll für die Kreation des Musikstücks „Hammond-Fantasie“ genutzt. Deren Schlusstakte wurden 1956 zur Erkennungsmelodie der „Tagesschau“ bestimmt und seitdem immer mal wieder bearbeitet: Die Hammond-Orgel verschwand mit der Zeit aus der Fantasie, dafür instrumentierte man sie mal orchestraler, machte sie rhythmisch deutlich flotter – aber das „Ta-ta, ta ta ta taaa“, das blieb.

Dass die ARD weiss, was sie an diesem tönenden Stück Tradition hat, macht sich unter anderem dadurch bemerkbar, dass man sich auf der sendereigenen „Tagesschau“-Homepage fast alle Versionen der Erkennungsmelodie anhören kann. So etwas macht nur, wer stolz darauf ist, dass er über ein echtes Liebhaberstück verfügt. Die Leute wollen um 20 Uhr nichts anderes hören. Soll Hans Zimmer doch in Hollywood bleiben und mit seiner Musik die Blockbuster beschallen.

Warum das, was sich bewährt hat, überhaupt verändert werden muss? Nun, so reizvoll es auch ist, der sprichwörtlichen Schnelllebigkeit unserer Epoche etwas Dauerhaftes entgegenzusetzen; ganz aus der Zeit zu fallen, kann sich niemand leisten. Die ARD etwa baut ein neues, modernes Studio für die „Tagesschau“, und dazu sollte die Musik dann doch passen. Bis zum Jahresende will man Tatsachen geschaffen haben. Und spätestens dann ist auch klar, ob das generalüberholte „Ta-ta, ta ta ta taaa“ tatsächlich Stoff für Aufregung bietet.