Artistin auf dem Drahtseil am Kölner Heumarkt.
Foto: Bayerische Staatsbibliothek München

Die Körperhaltung elegant-tänzelnd, der Blick konzentriert angespannt: Die Artistin Margret Zimmermann von der Camilla-Mayer-Truppe bewegt sich hoch auf dem Drahtseil über dem Kölner Heumarkt. Die Umgebung des Platzes, der heute als einer der belebtesten Schnittpunkte des kulturellen Lebens in der Rheinmetropole gilt, ist weitgehend zerstört, die Trümmerlandschaft aber lässt den gefährlichen Balanceakt nur noch dramatischer erscheinen. Die Wiederaufnahme geordneter Verkehrsverhältnisse aber wird bereits sichtbar, die Straße unterm Seil ist freigeräumt, vereinzelt sind Autos zu sehen. Das Leben geht weiter.

Szenen wie diese finden sich vielfach in dem Bildband, der als eindrucksvolle Illustration zu Harald Jähners Sachbuch „Wolfszeit“ jetzt erschienen ist. In diesem Bestseller räumt der frühere Feuilletonchef der Berliner Zeitung mit der Annahme auf, die Nachkriegsjahre in Deutschland seien eine Zeit des Darbens, des Schuttabtragens und der Schwermut gewesen.

Natürlich rücken die Trümmerfrauen ins Bild, die bald als tatkräftige Ikonen für eine Lesart des Wiederaufbaus standen, in der die Männer schwach oder abwesend waren. Harald Jähner aber hat in seiner klugen Durchdringung des Zeitgeists jener Jahre, in denen sich die politische und kulturelle Ordnung aus alten Resten und neuen Ideen zusammensetzte, darauf hingewiesen, dass der Typus der Trümmerfrau auch eine Entdeckung fotografischer Inszenierungen war. Die hagere Kopftuchfrau als Model.

Hunger, Elend und Not waren indes keineswegs beseitigt. Aus den Fotos aus dem „Wolfszeit“-Band ist auch die Anstrengung herauszulesen, aus dem Wenigen, das geblieben war, eine Normalität zu zimmern, die den Tagesbedarf deckte. Wie der Historiker Keith Lowe, der in seiner Studie „Der wilde Kontinent“ deutlich gemacht hat, dass die europäische Wiederaneignung geordneter Verhältnisse nach 1945 mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch genommen hat – das insbesondere stark vom Schicksal Vertriebener geprägt war –, berichtet auch Jähner von der Kunst und dem Lebensmut, die Gesellschaft aus den Provisorien des Einfallsreichtums und Beharrungsvermögens hervorgehen zu lassen.

Die Bilder erzählen von einem Leben in Ruinen, das vom Geschick geprägt war, auf dem Schwarzmarkt zurechtzukommen. Die Nächte aber waren nicht allein zum Schlafen da, sondern zeugen von einer ausgeprägten Tanz-und-Vergnügungslust, die in der eindimensionalen Erzählung über eine Zeit, in der jeder dem anderen ein Wolf gewesen sei, leicht zu übersehen war.

Harald Jähner: „Wolfszeit. Ein Jahrzehnt in Bildern“. Rowohlt Verlag, 264 Seiten, 28 Euro. Die Buchvorstellung findet am 30. September um 19 Uhr im Pfefferberg, Schönhauer Allee 176, statt.