Die Sklaven-Fluchthelferin Harriet Tubman (Cynthia Erivo) und der Abolitionist William Still (Leslie Odom Jr.) in „Harriet“.
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BerlinIn einem Interview sprach der Sänger Joe Carter 2003 eindrücklich über die kassiberhaften Geheimbotschaften der schwarzen Gospelmusik. Zur Blüte kam der Gospel einst zur Hochzeit der Sklaverei, auf den US-Baumwollplantagen im 18. und 19. Jahrhundert. Carter erzählt von der Doppeldeutigkeit von Spirituals wie „Steal Away To Jesus“, oder „Let My People Go“: „Wenn da wer sang, ‚I ain’t got long to stay‘, dann wusste jeder, das heißt: Ich fliehe und brauche Unterstützung!“ Also jeder außer den Weißen. Die erkannten im Gospel nur harmlosen Singsang. Hätten sie genauer hingehört, wer weiß, vielleicht hätten sie die Untertöne von Rebellion und Ausbruch entschlüsselt.

In „Harriet“, Kasi Lemmons’ Historienfilm, der die Geschichte der Fluchthelferin Harriet Tubman nachzeichnet, kommt der subversiven Funktion des Gospels eine wichtige Rolle zu. Das wird in musicalhaften Szenen deutlich: Eines Nachts singt Minty, die später ihren Namen zu Harriet ändert, gespielt von der hervorragenden und von merkwürdig bewegender Wut getragenen Cynthia Erivo: „When that feral chariot comes / I’m gonna leave you / I’m bound for the promised land“. Was für die Weißen nach biblischem Wortlaut klingt, ist für Mintys Familie eine Abschiedserklärung von der Farm, auf der sie versklavt wurde.

Die Farm befindet sich in Bucktown, Maryland. Es ist 1849, etwas mehr als zehn Jahre vor dem US-Bürgerkrieg. Die Vorgeschichte: Nach dem Sonntagsgottesdienst hatte Minty versucht, ihre Freiheit durchzusetzen. Ihrer Mutter, argumentiert sie gegenüber dem Besitzer der Farm, sei von dessen Großvater die Freiheit versprochen worden und daher stehe ihr diese jetzt auch zu. Der aber zerreißt das Dokument, das Mintys Freiheit verbrieft und droht, sie in den Süden zu verkaufen. Also dahin, wo Sklaven noch menschenverachtender behandelt werden und wo sie von ihrer Familie getrennt wäre.

Mithilfe des örtlichen Pastors, der – ganz im Geist des Gospels – nach außen hin religiösen Gehorsam und Dienst am Herrn und der Farm predigt, im Geheimen aber Teil eines Schleusernetzwerks ist, das Sklaven befreit, gelingt Minty die Flucht nach Philadelphia. Dort trifft sie auf den schwarzen Abolitionisten und Historiker William Still, der akribisch die Misshandlungen dokumentiert, die Minty ertragen musste. Ob sie zur Feier ihrer Freiheit einen neuen Namen wählen wolle, fragt er sie. Die Metamorphose ihrer Identität, von Minty zu Harriet Tubman, ist vollzogen.

Eine Geschichtsstunde in Zeiten von Black Lives Matter

Dabei muss man wissen: Die transformative Kraft der Namensaneignung und Neubenennung ist ein zentrales Motiv der schwarzen Bewegung in den USA. Leicht ließe sich hier ein historisch-linguistischer Bogen von Harriet Tubman über Malcom X bis hin zu den „Say their Names“-Rufen der Black-Lives-Matter-Bewegung spannen. Dies ist nur eins der vielen Beispiele, anhand derer „Harriet“ die Befreiung der Schwarzen als dialektisches Verhältnis rekapituliert: als einen Prozess, der zwar vollzogen ist, jedoch nie vollständig abgeschlossen wurde. 

Harriet lebt in Philadelphia bei der in Freiheit geborenen Schwarzen Marie Buchanon, hoheitsvoll verkörpert von Janelle Monáe. Ein Jahr lang kleidet sie sich in vornehmen Gewändern, trinkt teuren Wein, badet in fürstlichen Wannen. Genießen kann sie diese Freiheit aber nicht. Zu groß ist die Sehnsucht nach ihrer Familie, zu groß der Drang, auch deren Unfreiheit zu beenden. Gegen Stills Willen unternimmt Harriet Reisen in die Südstaaten, wieder und wieder, oft verkleidet sie sich dabei als Mann. Bewaffnet ist sie mit einer erlernten Etikette der Demut gegenüber Weißen, mit diversen Gehilfen der Underground-Railroad-Organisation, und: mit einem geladenen Revolver.

Zeitlebens kannte man Harriet Tubman als „Moses, der Sklavendieb“

Historischen Berichten zufolge unternahm Harriet Tubman ca. 13 Rettungseinsätze in die Südstaaten und befreite ungefähr 70 Sklaven. Als „Moses, der Sklavendieb“ wurde sie zum Objekt nationaler Mythenbildung. Im Bürgerkrieg führte sie 150 schwarze Soldaten an, die wiederum Hunderte von Sklaven befreiten. Im Film wird Harriet gar mit Jeanne d’Arc verglichen. Die historische Figur Harriet Tubmans hätte Hollywood sich selbst nicht besser ausdenken können. Dass ihre Geschichte erst jetzt verfilmt wurde, zeigt, dass es offenbar noch immer nicht leicht ist, schwarze Heldinnen im Kino zu zeigen.

„Harriet“ ist letztlich keine authentische Annäherung an den Horror der Sklaverei wie etwa Steve McQueens bestürzendes Epos „Twelve Years a Slave“. Der Film ist in erster Linie auf Zugänglichkeit und emotionale Direktheit getrimmt. Oft schrammen die Bilder des Films am Kitsch vorbei oder wirken ästhetisierend oder vereinfachend. Auf der anderen Seite ist es mit „Harriet“ vielleicht einfach wie mit einem guten Gospel-Song: Es geht hier eben mehr um die Botschaft, als um das Äußere.

Harriet. USA 2020. Regie: Kasi Lemmons. Darsteller: Cynthia Erivo, Janelle Monáe, Leslie Odom Jr. u.a.; 126 Min, in Farbe, FSK ab 12.