Die Sklaven-Fluchthelferin Harriet Tubman (Cynthia Erivo) und der Abolitionist William Still (Leslie Odom Jr.) in „Harriet“.
Foto: Universal

BerlinIn einem Interview sprach der Sänger Joe Carter 2003 eindrücklich über die kassiberhaften Geheimbotschaften der schwarzen Gospelmusik. Zur Blüte kam der Gospel einst zur Hochzeit der Sklaverei, auf den US-Baumwollplantagen im 18. und 19. Jahrhundert. Carter erzählt von der Doppeldeutigkeit von Spirituals wie „Steal Away To Jesus“, oder „Let My People Go“: „Wenn da wer sang, ‚I ain’t got long to stay‘, dann wusste jeder, das heißt: Ich fliehe und brauche Unterstützung!“ Also jeder außer den Weißen. Die erkannten im Gospel nur harmlosen Singsang. Hätten sie genauer hingehört, wer weiß, vielleicht hätten sie die Untertöne von Rebellion und Ausbruch entschlüsselt.

In „Harriet“, Kasi Lemmons’ Historienfilm, der die Geschichte der Fluchthelferin Harriet Tubman nachzeichnet, kommt der subversiven Funktion des Gospels eine wichtige Rolle zu. Das wird in musicalhaften Szenen deutlich: Eines Nachts singt Minty, die später ihren Namen zu Harriet ändert, gespielt von der hervorragenden und von merkwürdig bewegender Wut getragenen Cynthia Erivo: „When that feral chariot comes / I’m gonna leave you / I’m bound for the promised land“. Was für die Weißen nach biblischem Wortlaut klingt, ist für Mintys Familie eine Abschiedserklärung von der Farm, auf der sie versklavt wurde.

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