Harrison Ford in „Ruf der Wildnis“: Mit sanftem Biss

Der echte Harrison an der Seite des digitalen Bernhardiners Buck: Eine trotz allem überzeugende Neuverfilmung von Jack Londons Romanklassiker.

Berlin-Es ist ein Hundeleben. Eben noch bei einer feinen Familie angestellt, wird der arme Buck eines Tages von bösen Hundefängern kassiert und nach Alaska verscherbelt. Was er dort erlebt, schilderte Jack London 1903 in seinem Roman„Ruf der Wildnis“ – und zwar, das ist der Clou, aus der Perspektive des Hundes.

Die gleiche Bartfarbe: Der Trapper John Thornton (Harrison Ford ) und Buck.
Die gleiche Bartfarbe: Der Trapper John Thornton (Harrison Ford ) und Buck.Twentieth Century Fox

Die Anfänge der Neuverfilmung lassen Schlimmes ahnen. Es ist   immer noch gewöhnungsbedürftig, sich mit einer digitalisierten Tierfigur zu befassen. Buck, der hyperreal animierte Bernhardiner, hat eben einen Hundeblick, aber eher so, wie Mensch sich das vorstellt.

Wie ein Schauspieler teilt er uns jede seiner Emotionen mit, blickt treu winselnd oder ernsthaft besorgt in die Kamera, was die Erzählstimme – er spricht zumindest nicht selbst – fast überflüssig macht. Dabei hatte London fest darauf beharrt, seinen Protagonisten keineswegs „vermenschlicht“ zu haben. Der Erzähler fungiert vielmehr als versierter Interpret und Psychologe, der sich in das Tier hineinversetzt und dabei zwischen Instinkt und Verstand durchaus zu unterscheiden weiß.

Ein schlechter Schlittenhund

Buck macht im Verlauf der Erzählung eine Entwicklung durch, die ihn uns fremder machen wird, darum geht es. Doch bevor ihn der Ruf der Wildnis ereilt, gilt es Abenteuer zu bestehen. Der Mensch hat ein „gelbes Metall“ gefunden – woher soll der Hund auch wissen, dass er am Goldrausch teilnimmt? Nach ein paar Rüpeln gerät der Hund an das freundliche Pärchen Perrault (der Franzose Omar Sy) und Françoise (Cara Gee), mit denen er Post befördert, im Schlittengeschirr mit anderen Hunden. Der eigensinnige Buck ist ein schlechter Schlittenhund, und im grimmigen Husky Spitz begegnet ihm hier der erste echte Feind. Doch mit Mut, Geschick und Gemeinsinn wird er sich Respekt verschaffen.

Diese frühen Szenen sind eine helle Freude. Es gibt grandiose Schlittenfahrten und gefährliche Rettungsaktionen, durch die uns der Hund ans Herz wächst. In kompromisslos digitalisierten Schneelandschaften sieht man einen absolut stromlinienförmig komponierten Kinderfilm, der den Aufwand aber rechtfertigt. Mehr noch, die Arbeit von Spielberg-Kameramann Janusz Kaminski und die wuchtige Musik von John Powell erinnern an die klassische Disney-Periode, auch wenn Regisseur Chris Sanders hier für Twentieth Century Fox drehte. Es gab zuletzt „echte“ Disney-Produktionen mit weniger Witz und Hingabe, etwa das verunglückte Remake von „Elliot, das Schmunzelmonster“.

Doch Londons schon mehrfach verfilmte Erzählung zeigt bald ihre dunkle Seite. In Alaska gibt es Wölfe. In ihnen erkennt der Bernhardiner keine Rivalen, sondern Artgenossen, gar „seine eigene Stimme“. Die Begegnung mit den ungezähmten Vorfahren wird für Buck letztlich viel entscheidender als die mit dem menschlichen Star des Films, Harrison Ford – auch wenn es natürlich schön ist, dass man noch eine Verwendung gefunden hat für den, tja, alten Hund. In einer Rolle, die zuvor unter anderem Charlton Heston und Rutger Hauer innehatten, spielt er den zivilisationsmüden Trapper John Thornton, der den Wandel des Tieres bemerkt und den neuen Gefährten insgeheim beneidet.

„Zurück zur Natur“ war ein Schlachtruf der Jahrhundertwende, Jack London stand inmitten der Kämpfe. Er war kein Ideologe – im Nachfolger „Wolfsblut“ nimmt ein Hund den umgekehrten Weg, vom wilden Tier zum zivilisierten Freund des Menschen, beide Romane werden oft in einem Band verkauft. Aber sein Denken kreiste um die sozialdarwinistischen Theorien der Zeit, und auch damit hat er Amerika geprägt.

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Foto: Twentieth Century Fox
Ruf der Wildnis
USA 2020. Regie: Chris Sanders. Darsteller: Harrison Ford, Dan Stevens, Omar Sy, Cara Gee u.a.; 100 Min., Farbe. FSK ab 6 Jahren

Die Verfilmung dämpft die Vorlage merklich ab, ohne der Zivilisationskritik die Spitze zu nehmen. Mensch und Tier in der allgewaltigen Natur, das war eben nie ein Zuckerschlecken. Aber Bucks Aufstieg zum nicht mehr ganz so treu blickenden Rudelführer allzu politisch zu deuten, hieße das Tier zu vermenschlichen in einer Geschichte, die eigentlich vom Gegenteil erzählt.

Der Hund, so die Botschaft, ist des Menschen bester Wolf, das heißt er ist ihm nicht gleich. Bei alldem bleibt Buck ein sehr sozialer Hund, der seinem Herrchen den Whisky wegschnappt und im Schnee vergräbt – was dem Menschen schadet, weiß sein Hundehirn, schadet langfristig auch dem Tier! „Ruf der Wildnis“ schadet niemandem, sondern bietet hervorragende Familienunterhaltung mit sanftem Biss.