Wer in den 60er-Jahren in der westfälischen Provinz geboren wurde und irgendwann begann, sich für Fußball zu interessieren, kam samstags an drei Männern ebenso wenig vorbei wie Mittelstürmer an Katsche Schwarzenbeck: Kurt Brumme, Stimme der WDR-Radiosendung „Sport und Musik“ und Erfinder der Bundesligaschlusskonferenz, „Mr. Sportschau“ Ernst Huberty und Harry Valerien, Moderator des „Aktuellen Sportstudios“ im ZDF. Diese drei vor allem waren es, die dem jungen Zuhörer und -seher seine Welt erklärten, die des Fußballs: Warum die Bayern dauernd Meister wurden und Schalke nie. Wer die Bananenflanken schlug, und wer sie reinköpfte. Und warum ausgerechnet Katsche Schwarzenbeck (s.o.) vor dem 0:1 gegen die DDR 1974 auf die Auswechselbank musste.

Von diesen drei Fußballwelterklärern ist jetzt nur noch Ernst Huberty übrig. Schon 2005 schied Kurt Brumme 82-jährig aus dem Leben, am Freitag starb Harry Valerien, er wurde 88 Jahre alt. Nach einem gemeinsamen Abend mit Freunden sei er auf der Rückbank des Autos neben seiner Frau eingeschlafen – und nicht mehr aufgewacht, Herzversagen.

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Wie Brumme und viel mehr noch Ernst Huberty zählt auch Harry Valerien zu den Sportreportern, die mit der Fußball-Bundesliga einem großen Publikum bekannt wurden – obwohl er schon 1952 zum ersten Mal, und dann immer wieder, von den Olympischen Spielen berichtet hat. Und obwohl in erster Linie nicht dem Fußball, sondern dem Skisport Valeriens Leidenschaft gehörte. Seine Leitlinie „Du sollst die Sache lieben, doch in der Liebe Distanz halten“ geriet ihm da gelegentlich aus dem Blick. Er fieberte mit, wenn sich die Rennläufer die Pisten hinabstürzten, und litt auch mit. Valerien war selbst ein guter Skiläufer und später ein fast noch besserer Golfer.

Aufgebrachter Breitner

1963 war Valerien Mitbegründer des „Aktuellen Sportstudios“, bis 1998 moderierte er die Sendung, 283 Mal insgesamt. Pelé hatte er zu Gast, auch Carl Lewis und einmal sogar Placido Domingo. Von den Stars der Bundesliga gar nicht zu reden. Fairness war sein Gebot, aber ohne Anbiederei. „Bei mir verlässt keiner den Ring als Verlierer“, hat Valerien stets gesagt. Aber klein beigegeben hat er eben auch nie. Sehr gut zu besichtigen ist das in einem Interview, das er während der WM 1982 mit einem sehr aufgebrachten Paul Breitner führte. Es endete dank Valerien versöhnlich, auch wenn er dem Profi zuvor noch den Rat mit auf den Weg gegeben hatte: „Sie sollten vielleicht ein bisschen mehr – darf ich das Ihnen sagen – gelassener sein. Geht das?“

Heute herrschen andere Zeiten, in denen der künstlich aufgebauschte Konflikt, die Provokation, das Einander-ausstechen die Schlagzeilen bestimmen und von den Medien befeuert werden. Es sind die Zeiten von Drei-Satz-Interviews und Drei-Tage-Helden, von Experten-Moderatoren und Ballbesitzstatistiken. Und ja doch, es waren andere Zeiten damals. Das „Sportstudio“ begann wirklich mal vor zehn Uhr abends, wenn auch noch jüngere Fußballfans vor dem Fernseher sitzen durften. Und ein Moderator wie Harry Valerien konnte damals wirklich zu Beginn der Sendung minutenlang über eine Spendenaktion für Erdbebenopfer reden – am letzten Saisonspieltag, als Bayern (s.o.) mal wieder Meister geworden war.

Das Ganze umgab eine gemütliche Ernsthaftigkeit, in der sich die Zuschauer aufgehoben fühlten. Valerien war ihr Zeremonienmeister. Sein bayerisch geprägtes Idiom („Wo samma? Da samma.“), in dem die Sätze wie aus dem Stegreif und vor allem mit tiefster Sachkenntnis aus ihm hervorsprudelten, tat sein übriges zur Gewissheit, man gehöre zu einem Kreis von Eingeweihten.

1988 verließ Harry Valerien das „Sportstudio“, für ihn kam Günther Jauch. Später stießen Wolf-Dieter Poschmann, Michael Steinbrecher und Katrin Müller-Hohenstein dazu. An Valerien kommt keiner von ihnen vorbei.