Köln - Zum Einstieg musste es natürlich noch einmal gezeigt werden: das Foto von Barack Obama, wie er beim Frühschoppen am vergangenen Sonntag beherzt das Bierglas stemmt, um ihn herum bayerische Burschen mit Gamsbärten am Lodenhut. „So stellen sich zukünftige Generationen von Amerikanern von jetzt an einen ganz normalen Sonntagmorgen in Deutschland vor“, kommentiert Hart-aber-Fair-Gastgeber Frank Plasberg – und unterschlägt dabei, dass dieses Bild für die meisten Amerikaner ja ohnedies schon längst für Deutschland steht. Ein Bild, fröhlich befeuert vom Bayern selbst, dem größten Liebhaber der eigenen Klischees.

Klischee ist dann auch das Wort, mit dem sich die folgende Gesprächsrunde am besten überschreiben lässt. Für seine Sendung mit dem Thema: Was macht Merkel mit ihrer Macht? hat Plasberg das Kunststück vollbracht fünf politisch gebildete Menschen einzuladen, denen es kaum gelingt auch nur ein Wort abseits der gängigen Schwarz-Weiß-Parolen vorzubringen, die schon seit Wochen die Diskussion um den G-7-Gipfel in Elmau bestimmen.

Vielleicht ist die Luft einfach raus?

Eric T. Hansen, US-amerikanischer Publizist, gibt den Provokateur, indem er den Deutschen Angst vor der Verantwortung attestiert und gegen die typisch deutsche Kleinlichkeit stänkert. Ausgerechnet Kabarettist Serdar Somuncu, den meisten Zuschauern wohl als pöbelnder TV-Türke aus der „Heute Show“ bekannt, steigt sofort darauf ein und wirft das nächste Klischee in den Ring. („Die Amis brechen ständig das Völkerrecht“). Grünen-Bundesvorsitzende Simone Peter wirft Merkel Nicht-Handeln vor und außerdem die Tatsache, dass die CDU der Umweltpartei den Klimawandel geklaut hat (Wer hat’s erfunden? Richtig: die Grünen). 

Die Rolle des Bad-Boys spielt Hansen, der nun pars pro toto im Namen Amerikas für Guantanamo, den Irakkrieg und die NSA-Affäre angeklagt wird. Leid tun muss er einem aber trotzdem nicht, dafür benimmt er sich hinreichend unsympathisch. Immer das Gejammer der Deutschen über die NSA-Affäre, Herrgottnochmal, dass man sich in Deutschland auch immer so anstellen muss!

Schützenhilfe bekommt der Amerikaner hier ausgerechnet von Röttgen, der, ganz Parteisoldat, auf die jüngste CDU-Schiene einschwenkt und den Deutschen empfiehlt, ein neues Verhältnis zur Nachrichtendienst-Spionage aufzubauen. Die schütze ja schließlich vor Terroranschlägen. Dass Deutschland aus historischen Gründen eine gewisse Skepsis mitbringt, wenn es um großangelegte Abhöraktionen geht, lässt Röttgen sorgfältig unerwähnt.

Dafür bestimmt das Thema NSA von diesem Moment an die Diskussion und bringt alle Beteiligten auf die Palme. Stern-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges lässt sich dann noch zum peinlichen – an den Querulanten Hansen gerichteten – Ausruf hinreißen, man solle ihn gefälligst ausreden lassen, im eigenen Land.

Mehr Inhalt ist nicht.

Dass eine Diskussion über ein Thema wie G7 ganz ohne vorgefertigte Meinungen und Plattitüden auskommt, hat wohl niemand erwarten können. 

Dass Politiker wie Peter oder Kollege Röttgen nicht von ihrer Parteilinie abweichen würden, ebenfalls. Ernüchternd und ermüdend ist es nichtsdestoweniger.

Der Gipfel in Elmau wurde schon im Vorfeld auch deswegen kritisiert, weil er keinen Rahmen und zu wenig Zeit biete, über all die wichtigen Themen zu sprechen, die die Welt bewegen. Da ist die Diskussion im ARD-Studio gewissermaßen eine Analogie: schließlich muss die jüngste Folge des Plasberg-Plauderns mit Rücksicht auf die Damen-Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada in der Kurzversion von 45 Minuten stattfinden. Das ist wenig Zeit zum Schaumschlagen. Dafür reden die Gäste umso mehr – leider überwiegend alle gleichzeitig.

Um die Kernklischees noch einmal breitzutreten hat die Zeit dann aber allemal gereicht: Der G-7-Gipfel war – je nach Position – entweder sinnlos oder ein starkes Symbol. Merkel zaudernd bis irgendwie ganz okay. Die Amerikaner sind unsere Brüder im Geiste oder die selbsternannte Völkerpolizei. Und beim Klima tut sich eh nichts.

Und auch, wenn Serdar Somuncu gegen Ende richtig bemerkt, das Problem sei nicht, ob man sich in Deutschland mit Merkel und ihrer Politik wohlfühle, sondern, dass sich viele Menschen in der Welt eben nicht wohlfühlten, und damit den Fokus wieder auf die eigentliche Aufgabe eines Treffens von Staatenlenkern richtet – trotz dieser letzten richtigen Erkenntnis ist es am Ende doch eine Erleichterung, als in Kanada endlich Zeit für den Anstoß ist.