Die Tagesschau hatte es vermeldet, und es klang wie der Trailer zur anschließenden Debattenrunde bei „Hart, aber fair“: Die EU will die Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel lockern. Mit der „Nulltoleranz“-Strategie der Deutschen wäre es damit vorbei. Auch wir müssten dann damit rechnen, ahnungslos „nicht zugelassene gentechnisch veränderte Organismen“ (so genannte GVOs) in geringen Mengen mitzuessen.

Aber die so genannte „grüne Gentechnik“ war gar nicht Plasbergs Thema. Es ging um Pantscherei in so genannten „Convenience Food“-Lebensmitteln: zum Beispiel um die 40 Zuckerstücke, die in einer Flasche Ketchup stecken, um das viele Schweinefleisch, aus dem die Kalbfleisch-Leberwurst gemacht wird.

Fettes "Light"-Hackfleisch

Um die Tütensuppen mit Glutatmat im Hefeextrakt, um fettes Light-Hackfleisch und medizinische Margarine. Mit der Frage „Darf ein Tee mit Mirabellengeschmack keine Mirabellen enthalten?“, eröffnete Plasberg die Sendung. „Natürlich darf er!“ fand Alfred Hagen Meyer, als Anwalt für Lebensmittelrecht vor allem für die Nahrungsmittelindustrie tätig. Denn beim aromatisierten Tee gehe es nicht um Inhaltsstoffe, sondern um das „Geschmackserlebnis“.

Spitzbübisch erinnerte Meyer an eine Binsenweisheit: dass in das kleine Teebeutelchen ja gar nicht so viele Früchte passen können, um den Tee dadurch nach Mirabelle schmecken zu lassen. Womit er sagen wollte: Wenn ein Verbraucher ernstlich glaubt, in einem Teebeutelchen Mirabellen zu finden, hat er doch einen an der Waffel!

Warum überhaupt ein schwarzer Tee nach Mirabelle schmecken muss? Warum Leute Wellness-Wasser mit Himbeergeschmack kaufen? Oder Light-Hack, das mehr Fett enthält als Metzgerware? Diese Fragen blieben ungestellt.

Ginge es nach Thilo Bode von der Verbraucherorganisation „foodwatch“, würde der Verbraucher ohnehin automatisch zum vernünftigen Esser, wenn man ihn genau über die Inhaltsstoffe aufklärt, die er mitkauft: Zucker im Wellness-Wasser, Glutamat im Hefeextrakt, Zitronensäure in der Cola, Pflanzenfett im Light-Hack.

Selbst machen ist gesünder

Diesen ganzen Unsinn könne man noch viel einfacher vermeiden, fand EU-Politikerin Monika Hohlmeier und war sich dabei mit dem Sterne-TV-Koch Björn Freitag einig: Wer statt der Dr.-Oetker-Backmischung Butter Zucker, Eier um Mehl selbst zusammenrührt oder sein Gulasch statt mit der Maggi-Gewürzmischung eigenhändig mit Salz, Pfeffer, Paprika und Lorbeerblatt würze, habe schon die meisten der rund 360 E-Stoffe umgangen und also viel für seine Gesundheit getan.

Mit seinem Einwand, dass der Verzehr natürlicher Lebensmittel auch nicht automatisch gesund sei, drang der Sachbuchautor Werner Bartens („Glücksmedizin“) in dieser Runde mehrfach nicht durch. „Wir reden hier nicht über Gesundheit, wir reden über Transparenz!“, blaffte Thilo Bode seinen Banknachbarn nur unwirsch an. Und beschrieb damit präzise das Problem dieser Sendung.

Zu attraktiv war es für Plasberg, Bode und Meyer ihr schon oft ausgetragenes Scharmützel über die Kennzeichnungspflicht vor laufender Live-Kamera noch einmal ausfechten zu lassen. Dabei gelang dem Lobbyisten der Lebensmittelindustrie mit simplem Hausfrauenwissen der eine oder andere Treffer. Wenn er zum Beispiel darauf hinwies, dass in Kalbsleberwurst doch schon immer neben einem geringen Anteil von Kalbsleber („Sonst wird die Wurst nämlich bitter“) auch anderes Fleisch verarbeitet wurde.

Zucker in der Marmelade

„Haben Sie schon mal Marmelade gemacht?“, fragte Meyer provokativ in die Runde, als es um die hohen Zuckerzusätze in gesüßten Lebensmitteln ging. Bei einer Straßenumfrage hatte eine Verbraucherin richtig geschlossen, dass in einem Joghurt mit dem Aufdruck „Ohne Süßstoff“ natürlich Zucker sein muss. Plasberg fand diese Schlussfolgerung nicht etwa lebensnah und patent, sondern abgebrüht.

Der so genannte „gesunde Menschenverstand“ hatte in dieser Runde weder Sitz noch Stimme. Es ging um Transparenz (Bode), um Qualität (Freitag), um Hysterie (Bartens), um Aufklärung (Hohlmeier) und um Quote (Plasberg). Ein Zuschauer kalauerte: „Gott weiß alles - nur nicht, was in der Wurst ist“. Eine Verbraucherweisheit, die übrigens weit älter ist als alle GVOs.