Hart aber fair: Schwacher Plasberg bestätigt Befürchtungen aus dem Netz

Schon vor Beginn der aktuellen Ausgabe von „hart aber fair“ sorgen Moderator Frank Plasberg und sein Team für eine kleine Empörung. In den sozialen Netzwerken wird das Sendungsthema: „Der Osten wählt, der Westen schaut gequält“ stark kritisiert, nimmt Plasberg damit doch ein zentrales Stigma der Post-Wahl-Analyse von Thüringen auf: der Osten ist Schuld, der Osten wählt rechts.

Zu Sendungsbeginn dreht Plasberg den vorher gesetzten Stigma-Spieß um, nimmt die Zuschauer mit auf ein Gedanken-Experiment. Sie sitzen in einem der neuen Bundesländer vor den Fernsehern und müssen sich fragen, warum „Wessi“ Plasberg über die eigene Heimat urteilen darf. Es ist ein schwieriger Spagat, den der ARD-Moderator am Montagabend stehen muss. Zum einen muss er die Gründe dafür finden, dass sich mehr als 50 Prozent der Wähler für Parteien jenseits der politischen Mitte entschieden haben. Zum anderen müssen Plasberg und seine Gäste verhindern, dass ihnen vorgeworfen wird, von oben herab auf die Wahlergebnisse von Thüringen zu schauen.

Die Gäste

Herfried Münkler, Politikwissenschaftler und emeritierter Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin nimmt die wissenschaftliche Perspektive ein und analysiert die Hintergründe, warum sich die Wähler immer mehr an die politischen Ränder bewegen.

Hajo Schumacher, Journalist, Moderator und Autor diverser Politiker-Biographien, sieht in den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen einen Stresstest für die deutsche Politik, die diese bestanden hat, weil die AfD nicht die stärkste Fraktion geworden ist.

Dirk Neubauer, Bürgermeister der sächsischen Kleinstadt Augustusburg und Autor des Buches „Das Problem sind wir“, wird als SPD-Politiker täglich mit rechten Strömungen auf kommunaler Ebene konfrontiert.

Antje Hermenau, Politikberaterin und ehemaliges Grünen-Mitglied, mittlerweile für die Freien Wähler in Sachen aktiv, ist der Meinung, dass die Parteien der politischen Mitte das Aufkommen von Selbstbewusstsein in Ostdeutschland verschlafen haben.

Joerg Helge Wagner, Journalist und Ressortleiter Politik beim „Weser-Kurier“, hat miterlebt wie die Linke in Bremen zum ersten Mal in einen Landtag eingezogen ist, sieht aber starke Unterschiede zur AfD.

Clara Ehrenwerth, geborene Erfurterin, die nach dem Studium im Westen wieder in den Osten gezogen wird. Sie fordert mehr progressive und junge Menschen in den ostdeutschen Bundesländern, die der rechtspopulistischen Entwicklung die Stirn bieten.

Die Diskussion

Der erste Teil der Sendung gerät zu einer mit leichtem Pathos vorgetragenen Jammer-Ballade auf den Osten. Kein Geld, keine Perspektiven, keine Leute. „Ich glaube nicht, dass jemand Björn Höcke wählt, weil sein Sportplatz nicht fertig ist“, sagt Wagner etwas flapsig, das Thema Geld entzürnt den ersten wirklichen Streit des Abends. Neubauer, der als Kommunalpolitiker für mehr frei verfügbares Kapital für die Bürgermeister wirbt, will umgehend widersprechen, wird von Plasberg zur Raison gerufen. 

Schumacher springt Wagner bei. „Es liegt nicht am Geld. Aber wir im Westen fanden das damals einfach interessant, haben nicht realisiert, welche Schicksale hinter den Menschen im Osten stecken. Wir haben nur gesagt. Nehmt euer Geld, nehmt eure Bananen und dann ist gut.“

„Ich darf nicht mehr aus Leipzig wegziehen, weil wir progressive und offen ausgerichtete junge Menschen in den ostdeutschen Bundesländern brauchen“, erklärt Ehrenwerth eine ostdeutsche Perspektive. „Die Leute die zu euch gehen, gehen von uns weg. Dadurch sind wir nicht in der Lage, im ländlichen Raum Zukunftsperspektiven aufzubauen“, kontert Neubauer. Dabei sind sich die Teilnehmer der Diskussionrunde, die zu diesem Zeitpunkt nur selten diesen Namen verdient, einig.

Gleiches gilt für die Gründe hinter der Stärke der AfD bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. „Wir müssen differenziert mit dem rechten Problem umgehen. Diese Leute sind nicht politisch. Die denken gar nicht darüber nach, wenn sie nach Chemnitz gehen und was das für Konsequenzen hat. Wir können Leute nicht stigmatisieren und ausgrenzen weil sie gerade Dinge tun, die uns nicht gefallen“, sagt Neubauer und erntet Nicken in der Runde. 

Hermenau sieht weitere Gründe in einem gesellschaftlichen Wandel in Ostdeutschland: „Wir haben den Twist in der ostdeutschen Gesellschaft, dass die da oben die da drüben sind. Eigentlich ist das der Beginn von Selbstbewusstsein in Ostdeutschland. Blöderweise hat die AfD das deutlich besser aufgegriffen als andere Parteien. Ich glaube, dass Menschen die AfD trotz und nicht wegen Björn Höcke gewählt haben und bei denen muss die Verzweiflung besonders groß sein.“

Münkler versucht dies wissenschaftlich einzuordnen, kann aber auch nicht wirklich neue Erkenntnisse in die Wahl-Analyse bringen: „Das eigentliche Verhängnis der DDR ist, dass es keine Reserveelite gegeben hat, die hohe politische Positionen besetzen konnten. Das Interessante ist, dass vor allem Frau Merkel und Herr Gauck vor allem von den rechten Gruppierungen mehr gehasst werden als sonstwo.“ 

Bevor das Thema Landtagswahlen weitestgehend ad acta gelegt wird, setzt Neubauer mit einer düsteren Prophezeiung noch den Schlusspunkt: „Vielleicht sind wir im Osten schneller in Sachen AfD-Entwicklung als in anderen Bundesländern, ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen.“

Die Kontroverse

Die Flüchtlingswelle 2015 erhitzt erneut die Gemüter, vor allem als Hermenau das Thema angeht und hinterfragt, warum denn jede Kommune unbedingt Flüchtlinge habe aufnehmen müssen und fordert Plasberg auf, ihr das zu erklären. „Das ist rassistisch“, wirft Ehrenwerth sofort ein. Auch Münkler sagt, dass durch das Eingreifen der Bundesregierung eine Katastrophe in Südosteuropa vermieden worden ist. Die Flüchtlingskrise sei ein Stresstest für ganz Deutschland gewesen.

Der Moderator

Plasberg erlebt einen unruhigen Abend, weil er die Diskussion zum einen nicht in den Gang bekommt, dann den emsigen Neubauer aber unterbindet, als der diese lostreten will. Als er von Hermenau angegangen wird, entscheidet er sich nach sekundenlanger Stille dafür, seine Gäste auf die Frage reagieren zu lassen. Insgesamt wirkt das sehr holprig und nicht ganz souverän.

Viel schlimmer: Plasberg nimmt immer wieder, wenn auch teils aus diskussionsfördernden Gründen, die westdeutsche Perspektive ein und stellt aus dieser Position heraus seine Fragen, bügelt Neubauers Prophezeiung, dass die AfD im Westen bald ähnliche Werte aufweisen wird, mit einer einfachen Statistik ab. Plasberg fragt am Anfang, ob er als „Wessi“ überhaupt urteilen darf - in seiner Form vom Montagabend sicherlich nicht.

Das Fazit der Sendung

„Wir als West-Journalisten schimpfen immer auf die rechten Kräfte im Osten, aber vergessen damit die ganzen Menschen, die dort anpacken und echt was bewegen wollen. Die müssen wir unterstützen“, sagt Hajo Schumacher - und damit zeigt er auch schon, woran es an der Diskussion fehlt. „Hart aber fair“ bewegt sich am Montagabend oberflächlich über die Gründe der starken AfD, der ostdeutschen Geschichte und zeigt auch auf, was positiv läuft. Heraus kommt ein „Wir müssen was ändern“-Konsens, der selbst auf Diskussions-Ebene wenig weiterhilft.

Die Diskutierenden und Plasberg haben auf alle Fragen, die nach der Landtagswahl in Thüringen aufgetreten sind, eine Antwort. Aber diese Antworten sind nicht neu, sie gab es auch schon vor dem vergangenen Sonntag. Und sie zeigen, warum wir 30 Jahre nach der Deutschen Einheit immer noch darüber reden müssen, ob es diese wirklich gibt. Weil wir übereinander reden, nicht miteinander. Das ist auch bei „Hart aber fair“ leider nicht anders.