Köln - Frank Plasberg ließ am Montagabend über den Heimatbegriff diskutieren. Schon für die Ankündigung gab es in den sozialen Netzwerken laute Kritik. Beantwortet sich die Frage schon selbst, weil sie populistisch gestellt ist und sind Formulierungen wie diese „Grund dafür, dass Rechte denken, sie sind stärker“? So zumindest lauteten die Vorwürfe.

Erstmal wollte Plasberg wissen, was für seine Gäste „Heimat“ bedeutet. Nikolaus Blome schwärmte über den Geruch der Buchsbäume, Katrin Göring-Eckardt sprach über Bratwürste und Thüringer Wälder. Es entstand schnell der Eindruck, dass Plasberg vor der Sendung keine Zeit für ein lockeres Vorgespräch hatte und es so auf die Sendung verlagerte. Die weiteren Gäste erzählten von Chai, Landluft und Bauernhöfen. Politischer wurde es erstmal nicht.

Es folgte eine rudimentäre Herleitung des Heimatbegriffes durch Professor Nassehi, der beobachtet, dass jenes Wort schon seit Jahrhunderten weniger als analytisches Werkzeug und viel mehr als Instrument zur Abgrenzung von Identitäten genutzt wird. „Diese Begrifflichkeiten sollten wir uns nicht wegnehmen lassen“, ergänzte Göring-Eckert und forderte mehr Gelassenheit. Ihrem Statement „Dazugehört, wer da ist“ folgte der erste längere Applaus im Publikum.

Fall Mesut Özil abgewimmelt

„Bild“-Mann Blome und Kabarettistin Baydar versuchten anschließend erfolglos, den Fall Özil in die Diskussion einzubringen. Plasberg wimmelte ab und flüchtete sich und seine Gäste mit allgemeinen Fragestellungen wie „Was heißt denn eigentlich Heimat? Wer gehört dazu?“ in repetitive Wortwechsel.

In einem Einspieler werden dann ältere Herren aus dem Kölner Stadttteil Alt-Widdersdorf vorgestellt, die mit Sätzen wie „Ich frage mich, wo die alle herkommen. Wir versuchen die hier reinzuziehen, aber in 10 Jahren sind die wahrscheinlich wieder weggezogen“ oder „Die haben doch ne ganz andere Mentalität“ beweisen, dass es tatsächlich Rassismus in Deutschland gibt. Für das Aufspüren von Protagonisten, deren Aussagen diese Beobachtung besonders deutlich auf den Punkt bringen, bekommen Plasbergs Redakteure vielleicht ein Fleißpünktchen. Neu ist daran nichts.

Diskussionsstoff bietet es auch nicht, es ruft dafür soziologische Trivialitäten auf den Plan, die Professor Nassehi immer wieder ausbreiten durfte: „Wir leben in Gewohnheiten“ oder „Bei Rassismus geht es um Sichtbarkeiten wie die Hautfarbe“. In der Tat. Die Sendung plätschert in der ersten Hälfte wenig kontrovers dahin, irgendwann wurde die Frage „Ist es möglich, das Alte zu bewahren, und das Neue willkommen zu heißen?“ bedeutungsschwanger an die Studiowand geworfen. 

„Tiefere Beziehungsformen“ auf dem Land?

Als das allgemeine Sinnieren über Heimatbegriffe zu einer Diskussion über konkrete Konflikte – Stadt-Land und Ost-West – führte, wurde die Debatte spannender. Während Aiwanger von „tieferen Beziehungsformen“ mit mehr Vertrauen auf dem Land sprach, bemerkte Göring-Eckert: „Freiheit hört schnell auf, wenn jemand anders sie lebt“ und ergänzte „Heimat haben ist nicht selbstverständlich, man muss sie suchen, finden und bekommen. Wir müssen Heimat geben können.“

Daraufhin versucht Bild-Journalist Blome einzuschränken: „Wer Heimat erwerben will, ist ganz schön in der Bringschuld“. Hier entsteht der einzige wirkliche Konflikt der Sendung, als Baydar die berechtigte Frage stellt, ob sie in der als Eingewanderte der zweiten Generation immer noch „in der Bringschuld“ sei – und anmerkt, dass sie ganz unabhängig von ihren Bemühungen rassistisch angefeindet wird.

Als es dann um die Frage geht, inwiefern Baydar als Teil einer „türkischen Community“ besser einschätzen kann, warum über 60 Prozent der Türken in Deutschland mit Recip Erdogan einen autoritäten Präsidenten gewählt haben, wird sie laut. Wirklich glaubwürdig wirkt ihre plumpe Rückfrage „Warum bin ich Türkei-Experte?“ nicht, weil sich die Kabarettistin an anderer Stelle immer wieder als Vertreterin einer Gruppe darstellt.

Besonders deplatziert wirkte danach ein Einwurf von Aiwanger: „Wenn man sich sofort dafür schämt, im Dorf oder in der Türkei geboren zu sein, dann ist das problematisch“, sagte der bayrische Minister – und verlagert damit nicht nur die Verantwortung für Missstände auf diskriminierte Minderheiten, er spielt auch die Bedeutung von strukturellem Rassismus herunter.

Plasberg wird zum Bohlen-Verteidiger

Die ständig im Raum stehende Frage, was Diskriminierung ist und was nicht, versuchte Plasberg dann am Fall Dieter Bohlen zu konkretisieren. Dessen penetrante Nachfrage an ein 5-jähriges Mädchen („Wo kommt ihr eigentlich her?“) versuchte Nassehi herunterzuspielen: „Dieter Bohlen ist nicht bekannt als Geistesgröße“, sagte der Soziologe.

Anstatt die spannende Frage zu stellen, was die riesige Diskussion, die nach der Sendung entstanden ist, über Rassismus in Deutschland aussagen könnte, nimmt Plasberg kurzzeitig eine merkwürdige Rolle als Bohlen-Verteidiger ein und fragt: „Hätte er nicht nachgehakt, hätten Sie sich dann nicht dieselbe Frage gestellt?“ Das Ergebnis sind Variationen der längst dargelegten Positionen zum Thema „Heimat“. 

Auch bei den Zuschauern und Brigitte Büscher „riecht und schmeckt ganz viel“. Ein paar Heimatgefühle, ein Strich unter den Konsens „Jeder darf Heimat haben“.

Heimatministerien als Symbolpolitik

Abschließend wurde Aiwanger zur Konstruktion „Heimatministerium“, die es in Deutschland mittlerweile drei Mal – auch in jeder bayrischen Regierung, die er repräsentiert – gibt, befragt. Er betont, die Behörde soll unterstreichen, man mache Politik für die Heimat und nicht für Lobbyisten. Blome findet, ein Ministerium für Heimat könne die konstruktive Bewältigung von Identitätskonflikten „durchaus richten“, Nassehi und Göring-Eckert halten es für „Symbolpolitik“.

In seiner Schlussrunde beendete Plasberg seine Sendung, wie er sie begann: Mit einer Plattform für nostalgisch-anekdotisch präsentierte Heimatassoziationen von allen Seiten. „Sie haben einen Tag Zeit, einem aus dieser Runde einen schönen Fleck in Deutschland zu zeigen“ – es wurde nochmal gekichert, Aiwanger lud Göring-Eckert zur Rostbratwurst ein. „Ich nehme euch alle mit zu mir nach Hause und mein Papa kocht für euch“, verkündete Baydar.