Köln - Es ist anzunehmen, dass der eifersüchtige Othello und seine Frau Desdemona sachlicher über ihre angenommene Untreue redeten als die geladenen Talkgäste über die Frage, ob Gleichberechtigung und Gender-Studies sinnvolle Angelegenheiten sind oder nicht. Alles begann mit der “Selbstzensur”-Debatte, WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn war extra gekommen, um sich der Kritik zu stellen. Schließlich hatte der WDR nach heftiger Schelte aus Frauenkreisen die Gender-Sendung vom März diesen Jahres in der Mediathek zeitweilig gelöscht und dafür noch mehr Schelte einstecken müssen. “Persönliche Befindlichkeiten” gäben dieser Runde den extremen Sprengstoff, argumentierte Schönenborn und war damit nach einer halben Stunde Debatte zur Frage, ob der WDR beim Löschen der ersten Sendung einen Fehler begangen hat, flugs mittendrin im Geschlechterkampf. Der übrigens in nahezu identischer Besetzung wie bei letzter Gelegenheit ausgetragen werden sollte. Frauen sind eben empfindlich. “Beleidigt” hieß es, “weinerlich.” Und Publizistin Birgit Kelle (“GenderGaga”) fragt sich, ob die “ständig neuen gekränkten Minderheiten wirklich so relevant” seien. Als wären Frauen, die sich Gleichberechtigung, gleiche Chancen, gleiche Bezahlung und ein Leben abseits des Klischees wünschen, eine seltene, giftige Tierart, die man schützen muss, obwohl es sich ohne sie viel bequemer lebte.

Moderator Frank Plasberg findet Gender-Studies übrigens noch in etwa ebenso lächerlich wie bei seiner letzten Sendung im März. “Muss man wirklich studiert haben, um zu diesem Thema etwas sagen zu können?” fragt er Neubesetzung Sybille Mattfeldt-Kloth vom Landesfrauenrat Niedersachsen, die sich die ein oder andere Wissenschaftlerin zur letzten Sendung gewünscht hätte. Das hört sich stark nach Schröderschem “Frauen und Gedöns”-Chauvinismus an und ist wahrscheinlich genauso gemeint. Über Frauen und Männer labern kann jeder, der schon mal mit Frauen oder Männern gelabert hat. Wie schwer kann das schon sein? Das ist so, als würde man sagen, jeder sei Philosoph, der schon mal einen Kalenderspruch gelesen hat. Twitter fragt: “Ich warte darauf, dass ich zu einer Talkshow zum Thema Euro eingeladen werde. Ich hab' schließlich auch welche im Geldbeutel.”

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