Hartmut Bitomsky (rechts)
Foto: imago stock&people

BerlinCharly werkelt als Schrauber frustriert in einer Autowerkstatt irgendwo im Ruhrpott herum. Nach einem Streit mit seinem ständig alkoholisierten Chef und dem anschließenden Rauswurf strebt er zunächst einen ordentlichen Aufstieg an. Doch das Abendstudium langweilt ihn furchtbar, überhaupt erweist sich der geordnete Weg zum Wohlstand als viel zu umständlich. Deshalb nimmt er begeistert das Angebot eines windigen Autohändlers an, Limousinen zwischen Schweden und Westdeutschland hin- uns herzuschieben. Das lässt sich gut an, gerät bald in die Schieflage und endet ganz und gar ernüchternd.

„Auf Biegen oder Brechen“ war 1975 der erste und letzte „richtige“ Spielfilm des weltweit als Essayfilmer bekannten Regisseurs, Autors und Dozenten Hartmut Bitomsky. Lange war diese „Jugendsünde“ nicht zu sehen. Anlässlich einer ersten Monografie über Bitomsky kommt das Werk nun zu neuen Leinwand-Ehren. Die Entdeckung lohnt. Denn so wie der Film die Geschichte eines Scheiterns erzählt, so zeugt er heute auf erhellende Weise selbst vom Fehlschlag einer Utopie.

Die in den Endsechzigern hoch politisierten, dabei doch recht privilegierten Filmemacher träumten ja lange von einem Schulterschluss mit der ach so ausgebeuteten Arbeiterklasse, gleichzeitig von einer ästhetischen Fusion von Aufklärung und Hollywood. „Wir wollten das Dilemma anpacken, vor dem meiner Meinung nach die linke Intelligenz steht“, meinte Bitomsky damals, sein Film sollte etwas werden, „woraus man lernen kann, und etwas, woran man Spaß hat“. Dieses Konzept ging nicht auf.

Hartmut Bitomskys Deutschland-Trilogie 

Diese Umkehrung entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Angefangen bei der Dudelmusik von Jürgen „Lindenstraße“ Kieper über die angestrengt-lockeren Dialoge bis hin zur romantischen Inszenierung der Underdogs – hier passt nichts wirklich zusammen. Und von seinem an Ford, Boetticher oder Hellman orientierten Ideal eines „Westerns mit Autos“ bleibt der Film viele Highway-Meilen entfernt. Bitomsky wandte sich nach diesem Fehlstart jener Werkgruppe zu, die ihn weithin bekannt machte.

Seine Deutschland-Trilogie (1983–89) gehört neben den Arbeiten von Harun Farocki (der am Drehbuch von „Auf Biegen oder Brechen“ beteiligt war) zu den Schlüsselwerken des bundesdeutschen Essayfilms. 1993 wurde Bitomsky doch noch nach Los Angeles geholt – allerdings nicht als Filmemacher nach Hollywood, sondern als Dozent ans California Institute of the Arts, wo er amerikanischen Studierenden das europäische Autorenkino erklärte. Eine weitere, leise Ironie bestand 2006 in seiner Berufung zum dffb-Direktor. Der einstige Rebell stand nun für drei Jahre jenem Institut vor, das ihn einst hinausgeworfen hatte.

Filmreihe „Hartmut Bitomsky – Die Arbeit eines Kritikers mit Worten und Bildern“ Zeughauskino, bis 12. September. Parallel erscheint das gleichnamige Buch von Frederik Lang. „Auf Biegen oder Brechen“ wird am 28. August um 18 Uhr gezeigt.